Alle Jahre wieder – ein Gedankenspiel

"Alle Jahre wieder" - Ein Gedankenspiel von Laute(r) Gedanken

Da sind wir wieder. Angekommen im Dezember. Im letzten Monat des Jahres. Und wieder einmal steht die Advents- und Weihnachtszeit ganz plötzlich vor der Tür. So wie jedes Jahr. Weihnachtsbaum kaufen, Adventskranz basteln, Wohnzimmer dekorieren, Geschenke kaufen, Karten schreiben, niemanden vergessen, Freunde anrufen, Weihnachtsessen planen. Alle Jahre wieder. Scheinbar sind die letzten Monate nur so gerannt. Ich kann kaum glauben, dass Weihnachten schon wieder vor der Tür steht, sich das Jahr dem Ende neigt und das neue Jahr schon klopft. In meinem Auto liegt noch die Weihnachts-CD, die ich jedes Jahr ab dem 1. Dezember täglich mehrfach höre. Es wundert mich jedes Jahr, dass sie elf Monate lang am selben Platz im Auto verweilt und ich schier das Gefühl habe, dass ich sie doch gerade erst an unterste Stelle des CD-Stapels legte. Alle Jahre wieder. Doch was in diesem Jahr zur Weihnachtszeit passiert, ist alles andere als das, was wir „Alle Jahre wieder“ nennen können. Adventliche Konzerte mit Gänsehautmomenten, Proben für das Krippenspiel in der Kirche, Besuche auf dem Weihnachtsmarkt, Weihnachtslesungen und festlich geschmückte Restaurants besuchen, sich im Supermarkt durch die Gänge und an Menschen vorbei drängen, an einem Marktstand in der langen Schlange stehen und auf lang ersehnte gebrannte Mandeln warten. Haben wir das in den letzten Jahren alles als Selbstverständlichkeit gesehen, weil wir gewohnt waren, dass es jedes Jahr so ist? Wenn wir uns in den vergangenen Jahren gewünscht haben, dass das kommende Weihnachtsfest mit all seinen Vorbereitungen und To-Do‘s ein wenig stressfreier ist, so haben wir jetzt die Möglichkeit, mit jenen gewünschten Worten zu leben. Sich dem Stress entziehen, sich nicht im Gedränge der Weihnachtsmärkte verloren fühlen, in Ruhe Plätzchen backen, Zeit für die Familie haben, Weihnachtstelefonate tätigen, das Jahr Revue passieren lassen, dankbar sein für gesunde, glückliche und wertvolle Momente, die wir mit den Menschen verbracht haben, die uns am Herzen liegen. Plötzlich stehen wir vor der Entscheidung, wen wir in Zeiten von eingeschränkter Kontaktvielfalt an unserer Seite haben wollen. Und wir bemerken, wer uns an seiner Seite haben will. An wen denken wir besonders? Wer hat uns in diesem Jahr gefragt, wie es uns geht, was uns in den Momenten der Fassungslosigkeit, des Stillstandes, der tausend Fragen und des Lockdowns wohl durch Kopf und Herz geht? Alle Jahre wieder. Alle Jahre wieder scheinen die Menschen von einem Ort zum anderen zu sprinten, um noch schnell die letzten Weihnachtsgeschenke zu kaufen, um bloß in nichts nachzustehen und um bereits am Nikolaustag die Geschenke zu verteilen, die nicht mal in den Schuh eines Riesen passen würden. Da kann man doch ruhig verzeihen, dass jeder an sich und seine eigenen Aufgaben, Wünsche und Bedürfnisse denkt. Oder?

 

Alle Jahre wieder leuchten Sterne an Fenstern, Lichterketten an Bäumen und Kinderaugen in warmen Stuben. Alle Jahre wieder brutzelt der Braten im Ofen, während das erste Blech Plätzchen bereits vor den Weihnachtsfeiertagen leer genascht wurde. Alle Jahre wieder staunen wir über kreative Ideen von kreativen Köpfen. Alle Jahre wieder. Wie beruhigend und friedvoll der Gedanke ist, dass sich einige Dinge nicht ändern, selbst wenn die ganze Welt da draußen im Wandel zu sein scheint. Wie beruhigend es ist, diesen Ort der Ruhe und der Besinnlichkeit, der wiederkehrenden Rituale und der immerwährenden Hoffnungen und Freuden jedes Jahr wieder aufs Neue sicher im Herzen zu wissen. Alle Jahre wieder.

 

Die Frage ist doch, wer in den vergangenen Jahren geblieben ist. Wer ist „alle Jahre wieder“ an deiner Seite, in einer Kammer deines Herzens und deiner Gedanken? Es gibt Jene, die für unser Herz bestimmt sind, aber vielleicht nicht für einen gemeinsamen Weg. Manchmal stelle ich mir das wie einen überdimensional großen Adventskalender vor. Vielleicht stehen die 24 Türchen für 24 Jahre. Jedes Jahr wird eine neue Tür geöffnet, in der sich jedes Falles eine Begegnung, ein neuer Kontakt oder eine neue Möglichkeit versteckt – manche Türcheninhalte überraschen uns und bringen uns so große Freude, dass wir am 24. Tag alle noch so kleinsten Details im Kopf behalten haben, andere hingehen haben uns entweder von vorneherein nicht ganz so euphorisch freuen lassen oder waren im Nachhinein eher wenig schmackhaft. Aber wichtig ist doch, dass wir das Türchen geöffnet haben und neugierig geblieben sind auf das, was sich uns offenbart hat. Und das in jedem Jahr wieder. Alle Jahre wieder.

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