ELIAH – Kommunikationshilfe bei sprachlichen Einschränkungen

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Gerade schwer betroffene Aphasiepatienten haben es nicht einfach, zur Sprache zurückzufinden und in der Akutphase genügend Möglichkeiten zur Verfügung zu haben, um sich zu äußern. Besonders, wenn es um Bedürfnisse, um das Beschreiben möglicher Schmerzen und die Kommunikation mit dem Klinikpersonal, als auch mit den Angehörigen geht, fehlen ihnen nicht selten geeignete Ausdrucksmittel. Genau an diesem Punkt setzt das junge Startup-Unternehmen um Logopädin Tina Hillebrecht und Softwareentwickler Dennis Stritzke an und brachte eine App zur unterstützten Kommunikation für Menschen mit sprachlichen Einschränkungen auf den Markt. Ich bekam die Möglichkeit, die die App ELIAH zu testen und euch nun vorzustellen. Doch bevor mein ausführlicher Bericht im nächsten Blogbeitrag Platz findet, habe ich Tina und Dennis ein paar Fragen stellen können, um ein paar Details mehr zu erfahren. Ich für meinen Teil bin wirklich begeistert. Das Interview liest du im nachfolgenden Text. Übrigens – du kannst ELIAH bis zum 31. Juli 2020 kostenlos testen!

 

Im Interview mit Tina und Dennis von ELIAH

 

Wieso gerade der Name „ELIAH“?

Wir haben für unsere App einen Namen gesucht, der leicht auszusprechen ist und das auch in anderen Sprachen. Außerdem wollten wir einen menschlichen und geschlechtsneutralen Namen wählen, mit dem die Patient*innen sich identifizieren können.

Wie ist eure Startup-Idee entstanden? Welche Motivation steckt dahinter?

Die Idee für Eliah habe ich (Tina) durch einen schwer betroffenen Patienten mit einem Schlaganfall entwickelt. Dieser Patient konnte gar nicht mehr sprechen. Wir haben versucht andere Kommunikationswege zu finden, aber leider waren alle vorhandenen Möglichkeiten ungeeignet. Ich wollte also eine Lösung, die auch für akut betroffene Patienten funktioniert. In meiner Bachelorarbeit habe ich mich mit dem Thema dann theoretisch auseinandergesetzt und ein Konzept entwickelt, woraus ich mit meinem Mitgründer Dennis dann den ersten Prototypen für Eliah gebaut habe.

Wer ist in eurem Team für welche Aufgaben zuständig?

Ich bin als Logopädin vor allem für alle therapeutisch-fachlichen Aufgaben zuständig. Dennis ist Softwareentwickler und kümmert sich um alles Technische. Aber es gibt in einem Startup ja auch viele Aufgaben, die für uns beide neu sind. Oft starten wir dann gemeinsam und je nachdem, was wem besser liegt, wird dann weitergemacht. Zum Beispiel fällt mir das Schreiben von Texten leichter, während Dennis zum Beispiel unsere Videomaterialien schneidet. Für Aufgaben, die andere deutlich besser können, holen wir uns auch Unterstützung bei uns im Coworking Space, zum Beispiel beim Design.


 

ELIAH Team: Logopädin Tina Hillebrecht und Softwareentwickler Dennis Stritzke
ELIAH Team: Logopädin Tina Hillebrecht und Softwareentwickler Dennis Stritzke

 


 

Wie lässt sich ELIAH einsetzen und für wen ist eure App geeignet?

Eliah ist für die Anwendung im Krankenhaus konzipiert (in der Akutklinik und in der Rehaklinik). Zielgruppe sind erwachsene Patienten mit erworbenen Sprachstörungen z.B. nach einem Schlaganfall oder auch während der Beatmung. Auch bei neurologischen Erkrankungen, wie ALS oder bei Tumorerkrankungen ist Eliah sinnvoll einzusetzen. Es geht also vor allem um Patienten, die sich sonst verbal nicht (bzw. nicht genug) äußern könnten.

Wie reagieren Patienten auf eine „Stimme aus dem Computer“?

In unseren Tests in den Selbsthilfegruppen war das gar kein Thema. Wir haben sogar die Frage bekommen, ob eine der Stimmen wirklich eine Computerstimme ist. Außerdem haben sich die betroffenen Patienten eher gefreut, dass eine Stimme durch das, was sie machen (auf die Icons tippen) entsteht. Die Patienten haben in der App die Möglichkeit verschiedene Stimmen zu wählen. Wie das geht, haben wir in der Dokumentation beschrieben.

Gibt es Grenzen in der Nutzung von ELIAH?

Ja, die gibt es. Damit die App für schwer betroffenen Patienten einsetzbar ist, ist es wichtig sie nicht mit Inhalten zu überladen. Deshalb kann man mit Eliah nicht alles Mögliche sagen. Wir haben uns auf klinikrelevante Inhalte fokussiert. Die Übersichtlichkeit wollen wir auch beibehalten.

Es gibt bereits einige Apps, die Patienten als Kommunikationshilfe dienen können. Weshalb habt ihr eine neue entwickelt?

Das stimmt. Die deutschsprachigen Apps sind aus unserer Sicht nicht für den klinischen Kontext und erwachsene Patienten geeignet. Häufig ist die bildliche Darstellung kindlich. Das wollten wir anders machen.

Mit welchen Kosten für die App muss der User rechnen?

Bis zum 31. Juli 2020 entstehen gar keine Kosten bei der Nutzung. Auch danach wird die App für die Patienten kostenlos sein. Wir befinden uns aktuell in der Preisgestaltung, für Klinken und eventuell Krankenkassen.

In welchen Funktionen hat ELIAH auf jeden Fall die Nase vorn, wenn es um unterstützte Kommunikation geht?

Eliah ist besonders einfach für erwachsene Menschen zu nutzen, die noch nichts mit Unterstützter Kommunikation zu tun hatten. Es müssen keine Konzepte verstanden werden, um Eliah zu verwenden. Außerdem sind die Icons auf den Klinikaufenthalt angepasst.


 

Der Patient wählt sich aus den Icons den passenden aus, um seine Bedürfnisse auszudrücken. Anschließend spricht die Computerstimme für ihn.
Der Patient wählt sich aus den Icons den passenden aus, um seine Bedürfnisse auszudrücken. Anschließend spricht die Computerstimme für ihn.

 


 

Wie viele Kliniken nutzen ELIAH bereits?

Wir sind mit unserer App erst vor kurzem gestartet und haben seitdem einige Downloads. Aktuell haben wir noch keine Rückmeldung von Kliniken bekommen, die Eliah einsetzt. Allerdings sind die Nutzungsstatistiken komplett anonym. Es kann also gut sein, dass Eliah bereits in Kliniken verwendet wird.

Wenn ihr Eliah mit Patienten im Krankenhaus getestet habt, freuen wir uns über euer Feedback!

Gibt es bereits wissenschaftliche Studien zu eurer App?

Es wurden noch keine klinischen Studien mit Eliah durchgeführt. Wir haben Eliah jedoch strukturiert in Aphasie Selbsthilfegruppen getestet und dort überprüft, ob Aphasiker mit der App zurechtkommen und ob sie ihnen weiterhilft. Dabei haben wir sehr gute Ergebnisse erreicht. In der näheren Zukunft werden wir aber auch im Klinikkontext die Effekte vom Einsatz der App überprüfen.

Kann ELIAH auch von Privatpersonen genutzt werden?

Ja, bis zum 31. Juli kostenlos. Danach wird die App weiterhin zur Verfügung stehen, allerdings wird sich die Preisgestaltung an Kliniken richten. Die Inhalte der App berücksichtigen überwiegend den klinischen Kontext, wodurch sie zuhause eher weniger sinnvoll verwendet werden kann.

Was war die schwierigste Hürde im Entwicklungsprozess eurer App?

Die reine technische Entwicklung war gar nicht das Schwierige. Schwieriger war die Medizinprodukte-Konformität. Dafür mussten wir viel Arbeit investieren, damit wir Eliah als Medizinprodukt auf den Markt bringen konnten. Nicht gerade der spaßigste Teil des Startup-Daseins.

Muss man ein Technikfreak sein, um mit eurem Programm zurechtzukommen?

Nein überhaupt nicht. Wir haben die App mit einer 80-jährigen Aphasikerin getestet, die noch nie ein Handy, Tablet oder einen Laptop in der Hand hatte. Nach fünf Minuten hat sie alle Funktionen verstanden und Eliah erfolgreich eingesetzt. Die anfängliche Scheu vor der Technik war schnell verschwunden.

Eliah ist zurzeit nur für das iPad erhältlich. Daher benötigen Kliniken, die Eliah einsetzen wollen iPads für die entsprechende Station. Wir unterstützen gerne bei der Beschaffung.

Kann man ELIAH testen?

Ja, bis zum 31. Juli 2020 haben wir Eliah kostenlos zur Verfügung gestellt. In dieser Zeit kann ausgiebig getestet werden. Aber auch danach freuen wir uns über Anfragen zum Test, wir unterstützen gerne.

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Um kreative Anregungen rund um die Logopädie und Musiktherapie zu bekommen, kann man sich auf Marias Blog super inspirieren lassen.

 

 

 

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