Solidaritätsfonds, Homeoffice und Logopädieausbildung in der Schweiz – Interview Teil 2

Im Interview mit einem Schweizer Logopäden

Wenn du vor einer Woche auf meinem Blog vorbei geschaut hast, dann hast du gelesen, dass ich einen Logopädiekollegen aus der Schweiz für ein Interview hier auf Laute(r) Gedanken gewinnen konnte. Im ersten Teil unseres Gespräches berichtet mein Interviewpartner Matti, wie es ist, in der Schweiz zu arbeiten, in welchen Bereichen Sprachtherapeuten in unserem Nachbarland tätig sind und weshalb er so gern Logopäde ist. Das eine oder andere schweizerdeutsche Wort hatte sich im Text versteckt und brachte mich wirklich zum Schmunzeln. Wenn du dachtest, dass das schon alles gewesen ist, dann sei nun auf den zweiten Teil gespannt. Dort entdeckst du nämlich noch ein paar mehr Wortschätzchen.

 

Besonders interessant ist übrigens, dass der Schweizer Verband für Sprachtherapeut*innen in der aktuellen Coronakrise einen Solidaritätsfonds für freipraktizierende Logopäd*Innen eröffnet. Mehr dazu im Text!

Und nun – viel Freude beim Lesen!

 

 

Könnte ich als deutsche Logopädin mit einer staatlichen Ausbildung einfach so in der Schweiz eine Praxis eröffnen? Gibt es Störungsbilder, die ich nicht ohne Weiteres behandeln dürfte? Welche Schwierigkeiten stellst du dir dabei vor?

Mit dem Abschluss des Logopädiestudiums in der Schweiz erhält man ein von der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) anerkanntes Diplom in Logopädie. Falls du in der Schweiz als Logopädin arbeiten möchtest, musst du von der EDK überprüfen lassen, inwiefern dein Abschluss angerechnet werden kann. Es ist sehr wahrscheinlich, dass du gewisse Module an einer der Ausbildungsstätten noch belegen müsstest. Auf eine Stelle bewerben könntest du dich trotzdem und dann mit dem Arbeitgeber vereinbaren, ob du noch während oder erst nach der erteilten EDK-Anerkennung eingestellt würdest. Mit der Anerkennung hast du dann die gleichen Voraussetzungen wie alle, die in der Schweiz Logopädie studiert haben. Für die Eröffnung einer eigenen Praxis bestehen noch weitere Hürden, allerdings auch für alle, die in der Schweiz studiert haben und denen wärst du ja dann gleichgestellt mit der EDK-Anerkennung.
Ob und wie sich das Thema Anerkennung verändert, wenn du z.B. nach 20 Jahren Berufstätigkeit und diversen Weiterbildungen plötzlich in die Schweiz arbeiten kommen möchtest, kann ich dir augenblicklich nicht sagen.
Noch was zum Thema Schweizerdeutsch-Deutsch:
Bei uns heißt das ja nicht Deutsch, sondern Hochdeutsch oder Schriftdeutsch und das brauchen wir nur im offiziellen oder schriftlichen Kontext. Alltagssprache ist grundsätzlich Schweizerdeutsch. Die Komikerin Hazel Brugger hat mal gesagt, wir nennen das Schriftdeutsch, damit die Leute angeben können: „Ich kann imfall auch schreiben.“ Falls du in der Schweiz arbeiten möchtest, solltest du dich meiner Meinung nach auch gut mit dem Thema Schweizerdeutsch auseinandersetzen. Bei uns triffst du nun mal viele Leute an, die Schweizerdeutsch sprechen. Darum ist es generell hilfreich, zumindest den lokalen Dialekt zu verstehen. Als praktizierende Logopädin ist das aus meiner Sicht Pflicht. Da für uns Logopäden die Sprache nicht nur Kommunikationsmittel, sondern auch das eigentliche Arbeitsgerät und der Gegenstand der Arbeit ist, frage ich mich außerdem, wie Logopädinnen aus Deutschland das so machen, wenn sie z.B. mit kleinen Kindern arbeiten, für die Deutsch noch nicht wirklich vertraut ist und es vielleicht auch noch nicht gut verstehen. Ich habe bei meinen Vorbereitungen schon manches Therapiematerial gefunden, das ich leider nicht verwenden konnte, weil es auf Schweizerdeutsch nicht funktioniert. Beispielsweise sagen wir „Chopf“ statt „Kopf“, der „Roller“ heißt bei uns „Trotti(nett)“ und allgemein verwenden wir den „r“ häufiger als ihr, weil es bei uns den Schwa nicht gibt. Das kann immer wieder mal zu Stolpersteinen führen im Erstellen von Therapiematerial. Ich habe es auch schon erlebt, dass etwas nicht funktioniert, hat, weil ich einen etwas anderen Dialekt habe als die Kinder aus meinem Arbeitsort. Vielleicht ist das unter anderem ein Grund für meine Erfahrung, dass ich Logopäden aus Deutschland bisher vorwiegend im klinischen Setting angetroffen habe.
Apropos Ausbildung – welche Wege gibt es, um Logopäde zu werden?

In der Deutschschweiz gibt es vier Institutionen, an denen man den Bachelor in Logopädie machen kann. Der Abschluss ist überall gleichwertig und berufsbefähigend. Ein Masterstudium ist nicht erforderlich, um als Logopäde zu arbeiten.
Die Möglichkeit zum Masterstudium gibt es an zwei Unis in der französischen Schweiz. In der Deutschschweiz gibt es seit einigen Jahren die Möglichkeit, den Master in Sonderpädagogik mit der Option Logopädie zu machen.
Die Voraussetzungen für das Grundstudium werden von den vier Institutionen in den Details etwas unterschiedlich umschrieben und sind in gewissen Dingen nicht ganz deckungsgleich. Grundsätzlich braucht man aber entweder eine gymnasiale Matura (Abi) bzw. einen gleichwertigen Abschluss oder bereits ein anderes Hochschuldiplom. Zusätzlich sind eine phoniatrische und logopädische Eignungsabklärung und ein Vorpraktikum erforderlich. Letzteres kann aber je nachdem auch einfach im pädagogischen Umfeld sein und muss nicht zwingend in der Logopädie stattfinden.

 

 

Wie geht es dir gerade mit den aktuellen Einschränkungen aufgrund der Coronakrise? Gibt es in der Schweiz Leitlinien bzgl. der logopädischen Therapien? Werden Praxen geschlossen?

Persönlich geht es mir gut. Ich habe das Privileg, zu Hause jetzt nicht in einem Spannungsfeld zu leben – Ich ziehe meinen Hut vor allen, die im Moment Homeoffice, Kinderbetreuung, Heimschulung und allfällige zusätzliche Unsicherheiten jonglieren! Daher ist die Situation für mich persönlich diesbezüglich entspannt. Die weggefallenen sozialen Kontakte kann ich bisher gut über digitale Kanäle ersetzen.
Die Schulen sind seit der am 13.3.2020 beschlossenen schweizweiten Schulschließung auf Hochtouren damit beschäftigt, Heimlernen für alle Kinder und, wenn nötig, Betreuungsangebote zu organisieren. Ich vermute, in Deutschland ist die Situation ähnlich. In meinem Arbeitskanton gilt: Solange die Schulen geschlossen sind, bleiben auch unsere Logotüren zu und wir sind dazu angehalten, „alternative Formen anzuwenden“. Erlassene Richtlinien für den Schulbereich haben verständlicherweise den regulären Schulbetrieb als primären Fokus. Diese Richtlinien werden kantonal und in jeder Schulgemeinde unterschiedlich umgesetzt. Einerseits, weil jede Schule von der Infrastruktur her anders aufgestellt ist und andererseits, weil die Kantone generell viel Autonomie haben aufgrund der Art und Weise, wie die Schweiz tickt. – Das ist jetzt meine Variante einer positiven Formulierung des erwähnten „Kantönligeists“.
Der Kantonale Verband der Logopädinnen und Logopäden hat bisher ebenfalls keine Vorgaben gemacht, wie diese „alternativen Formen“ genau auszusehen haben, da überall andere Voraussetzungen und Umsetzungsideen vorhanden sind. Wir sind diesbezüglich also relativ frei bzw. stehen in der Eigenverantwortung. Freipraktizierende, welche auf ärztliche Verordnung arbeiten, müssen jetzt mit viel größeren Unsicherheiten klarkommen, da der Bund sie bis dato (5.4.2020) nicht zur Schließung der Praxen zwingt. Erfreulicherweise ist auch hier ein Verständnis für gegenseitige Hilfe da und der Verband hat einen Solidaritätsfonds eingerichtet, mittels welchem man freiwillige Spenden an Praxisinhaberinnen leisten kann, um ihnen etwas auszuhelfen.
Für mich heißt die aktuelle Situation, dass ich mich mit meinen Kolleginnen und unserer Schulleitung abspreche, wie wir die kantonalen Vorgaben möglichst gut und sinnvoll umsetzen und wie wir unseren Arbeitsauftrag ausgestalten, wenn wir nicht vor Ort mit den Kindern arbeiten können. Möglicherweise werde ich auch im Betreuungsangebot eingesetzt. Für die Planung dieses Vorgehens haben wir jetzt noch ein wenig Zeit: Bis eine Woche nach Ostern sind sowieso Frühlingsferien. Ein paar tolle Ideen zur Umsetzung für die Zeit danach sind für mich auch durch den Austausch mit dir entstanden – Danke dir an dieser Stelle dafür.

 


Um mehr über den Solidaritätsfonds für freipraktizierende SprachtherapeutInnen in der Schweiz zu erfahren, einfach auf die Grafik klicken!

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Wie vertreibst du dir die Zeit im Homeoffice?

In den ersten Wochen der Schulschließung waren wir als Team – wie so viele andere auch – stark damit beschäftigt, zu überlegen, wie wir jetzt unseren Alltag umkrempeln können. Dann habe ich für meine Kinder diverse Arbeitsmaterialien, Aufträge, Spiele, Bastelmaterial etc. zusammengestellt und es mit Anleitungen den Familien zukommen lassen. Je näher die Frühlingsferien rückten, desto mehr begannen meine Gedanken um die Situation nach Ostern zu kreisen und ich habe eine erste Ideensammlung angefangen. Neben der Arbeit bot sich durch den Ausfall des Pendelns und durch die vielen plötzlich frei gewordenen Abende auch immer wieder Zeit für Spiele, Telefonate mit Freunden und Familie, die man zurzeit nicht treffen soll oder auch für ein paar kurze, extraleise Beats an meinem kleinen Reiseschlagzeug – alleine oder digital vernetzt mit anderen Musikern.

 

 

Für alle Logopäden hier in Deutschland – gibt es einen Zungenbrecher, der besonders lustig auf schweizerdeutsch klingt? Vielleicht gibt es aber auch einige Wörter, die amüsant klingen und auf die wir hier niemals kommen würden?! 

Ehrlich gesagt kenne ich nur einen einzigen Zungenbrecher auf Schweizerdeutsch: „De Papst het z Spiez s Späckbsteck zspot bstellt.“, den gibt’s meines Wissens in verschiedenen Varianten. Die Suche nach mehr war nicht sehr ergiebig, aber der hier gefällt mir: Dür drü düüri lääri Röhrli lehre d Lüüt rächt redä.“ In Sachen Zungenbrecher wart ihr mit eurem Fritze auf den Robbenklippen, dem zwitschernden Postkutschenfahrer und den zentnerweise mit Blaukraut beladenen Ziegen einiges kreativer.
Das „Chuchichäschtli“, das immer wieder als Klassiker hinhalten muss für das Schweizerdeutsche, finde ich ehrlich gesagt nicht lustig. Hier ein paar schweizerdeutsche Wörter, die mir gefallen und die ich auch effektiv benutze: chlöpfe, töibele, gäbig, imfall, schlegle, verhebe oder auch das im Text versteckte „Znüni“ und der „Kantönligeist“. Welche davon für euch lustig klingen, ist für mich schwer zu beurteilen – für mich sind es ja ganz normale Worte.

 

 

Warum sollte man Laute(r) Gedanken unbedingt abonnieren?

Wer gerne sorgfältige und sortierte Gedanken aus diversen Ecken des Alltag einer Therapeutin liest, sich gerne laute(r) Zeilen gefüllt mit Neugierde und Wohlwollen zu Gemüte führt, sich gerne von kreativen neuen Spielideen für die eigene Therapie ansprechen lässt oder sich gerne an verschiedenen Fein- und Eigenheiten des Lebens oder der Sprache freut, wird hier bestimmt fündig. Und wer weiß, vielleicht entsteht ja hier und da auch wieder ein neuer Kontakt in der nächsten außergewöhnlichen Situation.

 

In der folgenden Übersicht habe ich noch einmal ein paar Unterschiede auf einen Blick zusammengefasst!

 

 

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