Abwechslungsreich, kreativ und ermutigend: die Arbeit als Logopäde in der Schweiz

Interview mit einem Schweizer Logopäden

Es ist Montagmorgen. Ein ganz normaler Montagmorgen einer Logopädin. Gleich starten für mich die ersten Therapien in integrativen Kindertagesstätten, Pflegeeinrichtungen, in einer Schule für geistig behinderte Kinder oder natürlich direkt in der Logopädiepraxis, in der ich angestellt bin. So sieht das auch während der anderen Wochentage aus. Es wird nie langweilig, denn die Vielzahl der logopädischen Störungsbilder, die Arbeit mit unterschiedlichen Generationen und die tausenden kreativen Gedanken, die mal mehr, mal weniger in den Kopf geschossen kommen, machen meine Arbeit aus. Gerade dieser abwechslungsreiche Alltag macht es so interessant und lässt mich immer wieder wissen, wie lebendig sich der Job einer Logopädin doch anfühlen kann. Manchmal frage ich mich, wie es wohl wäre, wenn jeder Tag gleich abliefe, ich den ganzen Tag nur vor einem Bildschirm säße oder ich mich nicht immer mal wieder selbst neu entdecken könnte. Schnell merke ich, dass ich diesen Gedanken wegschieben will. Doch wie ist das eigentlich in anderen Ländern? Wie kann ich mir die Arbeit eines Sprachtherapeuten vorstellen? Und, könnte ich überhaupt weiterhin in meinem Job arbeiten, wenn ich auswandern würde? Wie sieht ein typischer Tag eines Logopäden aus, welche Möglichkeiten bietet unser Job, was ist spannend, wann wird es schwierig und welche Unterschiede zeigen sich in den Ausbildungsrichtlinien?

 

Um meinen Wissensdurst zu stillen und euch mit ein paar Informationen zum Thema versorgen zu können, habe ich mir heute Matti als Experten virtuell auf meinen Blog eingeladen. Er wird meine Fragen beantworten, einen Einblick in seine Arbeit als Logopäde in der Schweiz geben und uns mit schweizerdeutschen Wörtern zum Lächeln bringen.

 

Ganz kurz möchte ich euch erzählen, wie ich Matti kennenlernte. Sonst würde es diese super informativen Antworten auf all meine Fragen nämlich gar nicht geben. Ungefähr eine Woche ist es her, als ich auf meinem Instagram-Account (Folgst du mir schon? Du findest mich unter lauter_gedanken) einen Beitrag über das NOVAFON in der Teletherapie schrieb. Ich für meinen Teil finde wahnsinnig spannend, was nun alles möglich ist innerhalb der Onlinetherapie und habe darüber einen kurzen Post in meiner Insta-Story freigegeben. Ein paar Stunden später erhielt ich eine Nachricht von Matti. Einen Tag später hatten wir ein Zoom-Meeting. Noch ein paar Tage sind vergangen, bis ich ihn fragte, ob er Lust auf dieses Interview hat. Und wie ihr seht, lautete seine Antwort Ja! Und ich, ich freute mich sehr über diese Zusage! Ich habe also während der Coronakrise einen Logopäden aus der Schweiz getroffen, ganz virtuell. Es hätte diese Begegnung wohl nie gegeben, wenn uns die aktuelle Zeit nicht vor neue Aufgaben stellen würde. Faszinierend, oder?

 

 

Wenn du deine Arbeit als Logopäde mit drei Wörtern beschreiben müsstest, welche wären es? Und vor allem, warum?

Abwechslungsreich, weil die Altersspanne der Kinder bei mir in der Therapie von vier bis fünfzehn Jahren reicht. Logischerweise stehen diese Kinder in der Entwicklung an total unterschiedlichen Orten. Abwechslungsreich ist mein Alltag daher schon nur durch die unterschiedlichen Arten der Begegnung und Interaktionen mit den Kindern. Die Heterogenität erfordert auch kreative Ideen meinerseits in den Vorbereitungen der Therapielektionen. Natürlich bringen die meisten Kinder erfreulicherweise auch nochmals eine geballte Ladung Kreativität mit in die Logostunden.
Nicht zuletzt erlebe ich meine Arbeit auch als sehr ermutigend und faszinierend. Ermutigend, wenn ich die Motivation der Kinder sehe, sie Fortschritte machen und diese auch mit Freude selber feststellen. Zu meinen bisher schönsten Momenten bei der Arbeit zähle ich den, als ich erleben durfte, wie ein Kind das Zungenspitzen „r“ während der Therapiestunde entdeckt hat. Bei den anderen Kindern hatte es meistens zu Hause „klick“ gemacht. Faszinierend, wenn mir in der Praxis etwas zum ersten Mal begegnet und ich mich mit dem Kind auf einen auch für mich neuen Weg mache. Faszinierend aber vor allem auch, wenn ich mir überlege, dass doch die große Mehrheit aller Kinder all diese komplexen sprachlichen Fähigkeiten mit erstaunlicher Leichtigkeit selbstständig erwirbt und wir als fachliche Unterstützung an der Seite stehen.

 


Hier gelangst du zu zwei Spieleempfehlungen von Matti*

Die erste Empfehlung eignet sich ganz klar als Belohnungsspiel oder als Zusatzspiel zwischen bestimmten Übungen

                          Das Krimihaus fördert sowohl das Sprachverständnis, als auch das Lese-Sinn-Verständnis


 

Wie sieht ein ganz normaler Tag bei dir aus? Wo finden dich deine Patienten? Wie ist der Weg, um eine logopädische Therapie bei dir in Anspruch nehmen zu können? In Deutschland bekommen wir entweder vom Kinderarzt, Hals-, Nasen-, Ohrenarzt, vom Zahnarzt, vom Hausarzt oder vom Neurologen eine Heilmittelverordnung. Läuft das in der Schweiz ähnlich?

Morgens, 7:15 Uhr, die Tür des Kühlschranks im Pausenzimmer des Primarschulhauses fällt schmatzend in die Gummidichtung, nachdem sich mein Mittagessen zu den Tupperdosen der Arbeitskolleginnen gesellt hat. Schnell einen Blick ins schulinterne Postfach geworfen und ab geht’s ins Logozimmer. Ich habe das Privileg, an einem logopädischen Dienst zu arbeiten, wo ich nicht als Einzelkämpfer, sondern gemeinsam mit drei tollen anderen Logopädinnen Kinder der Regelschule und einige integrativ beschulte Kinder der Sonderschule logopädisch begleiten darf. Bis ich mit dem ersten Kind starte, bleibt mir noch etwas Zeit, das Material für den bevorstehenden Morgen bereitzustellen. Mein Arbeitstag ist danach relativ straff getaktet. Die Kinder sind jeweils 45 Minuten bei mir und ich mache zwischen dem ersten und letzten im Normalfall zwei Pausen: Um 10 Uhr geht‘s für die große Pause zum Kaffee und Znüni ins Pausenzimmer und über Mittag schmatzt nochmals die Kühlschrankdichtung – ich natürlich nicht. Am Nachmittag geht es weiter und wenn ich mich dann vom letzten Kind verabschiedet habe, wartet auf der administrativen Pendenzenliste, was ich in der Mittagszeit noch nicht bearbeiten konnte: Therapielektionen vorbereiten, Mails beantworten, Telefonate, Akten, Berichte etc.
Da ich wie erwähnt an einem Dienst mit mehreren Logopädinnen arbeite, sind bei uns immer beide Logozimmer fünf Tage die Woche besetzt. Wer rechnen kann, vermutet jetzt richtigerweise, dass das der Grund sein muss für den erwähnten dichten Stundenplan. Das Team bringt den großen Vorteil, dass man jeweils gleich gegenüber anklopfen kann, wenn man mal gerade auf dem Schlauch steht beim Vorbereiten, etwas nicht finden kann oder technische Unterstützung braucht. Natürlich hat auch der persönliche Austausch Platz und durch die vielen Hände und kreativen Köpfe ist tolles Therapiematerial in Fülle vorhanden und man kann auch mal gemeinsam neue Sachen entwickeln.
Die Möglichkeit für diesen fachlichen Austausch wünsche ich jeder Kollegin und für mich überwiegt dieser der Dichte an täglichen Lektionen und den dadurch zuweilen anstrengenden Arbeitstag allemal. So mache ich mich am Abend zwar müde, aber glücklich auf den Heimweg. Mit im Gepäck sind meistens Ideen für den nächsten Tag, Fragen, denen ich „irgendwann mal nachgehen möchte“ und ab und an auch der eine oder andere Selbstzweifel darüber, ob ich denn meine Arbeit auch wirklich gut genug mache. Manchmal werde ich außerdem von einem nicht fertig geschriebenen Bericht oder nicht ganz fertig ausgeschnittenem Therapiematerial begleitet, wenn sich der Busfahrplan mal wieder nicht meiner Zeiteinteilung fügen will.

 

 

Wie kommt man denn in der Schweiz überhaupt zu einer logopädischen Behandlung?

Es gibt verschiedene Wege, die zu einer logopädischen Behandlung führen können. Das hängt nicht zuletzt auch von der Klientel ab. Im klinischen Bereich und mit den frei Praktizierenden habe ich wenig bis keine Erfahrung, meines Wissens erfolgt hier die Anmeldung – ähnlich wie bei euch in Deutschland – auf ärztliche Verordnung. Kostenträger sind in den Kliniken jedenfalls die Krankenkassen. Wenn man die Bedingungen für eine Krankenkassenzulassung erfüllt, übernehmen diese im Rahmen ihres Leistungskatalogs auch die Kosten beim Gang in eine freie Praxis. Solche gibt es aber – zumindest in meinem Wohn- und in meinem Arbeitskanton – nur wenige (Dass es Praxen ohne Krankenkassenzulassung gibt, bezweifle ich). „Und was ist denn mit den Kindern?“, denkst du dir vielleicht jetzt. Nun, damit kommen wir zum wohl größten Unterschied zwischen Deutschland und der Schweiz in der Organisation der Logopädie. Die logopädische Versorgung für Kinder im schulpflichtigen Alter ist in der Schweiz der Schule und damit den kantonal teilweise unterschiedlich geregelten Schulsystemen angegliedert. Die Kantone und Gemeinden sind in diesem Fall auch die Kostenträger und diejenigen, welche uns Logos anstellen. „Wiedermal typischer Kantönligeist!“ würde hier vielleicht ein Teil unserer Bevölkerung schimpfen. Ich höre schon immer wieder mal über kantonale oder sogar regionale Unterschiede von Kolleginnen aus anderen Kantonen. Grundsätzlich folgt die Handhabung im Schulsystem aber soweit ich weiß überall etwa dem gleichen Grundgedanken. An meinem Arbeitsort ist es so, dass die Kinder meistens in Absprache mit den Eltern von den Lehrpersonen zur logopädischen Abklärung angemeldet werden. Aufgrund der Abklärungsergebnisse geben wir dann eine Therapieempfehlung ab oder verweisen bei Bedarf auf andere Vorgehensweisen oder weitere Abklärungsstellen (z.B. HNO-Abklärung für das Gehör, breitere Abklärung durch den schulpsychologischen Dienst, …). Die Eltern könnten die Anmeldung bei uns auch direkt vornehmen, das kommt aber selten ohne vorherigen Austausch mit der Schule vor. Diesen Fall erleben die Kolleginnen im Frühbereich, also in der Arbeit mit Kindern zwischen 0 und 4 Jahren, wohl häufiger. Im Vorschulalter finden Abklärungen und Therapien meist an sonderpädagogischen Zentren statt, die neben der Logopädie oft auch andere Therapien und Unterstützungsformen für Eltern und Kinder anbieten. Die letzte Gruppe sind Kinder mit sonderpädagogischem Bedarf. Falls diese Kinder auch logopädisch behandelt werden müssen, findet die Therapie entweder an der Sonderschule statt oder wird von der zuständigen Logopädin an der Regelschule durchgeführt – je nachdem, ob das Kind eine Sonderschule besucht oder integrativ an der Regelschule beschult wird. Die Kosten für die Logopädie im Vor- oder Sonderschulbereich werden meines Wissens vorwiegend von den Kantonen übernommen. Je nach Diagnose vielleicht auch von den Krankenkassen. Hier gibt es möglicherweise auch wieder kantonale Unterschiede, aber das wäre dann wohl ein zu tiefer Abstecher in die Wirrungen des Kantönligeists.

 

 

Weshalb hast du dich entschieden, deine Arbeit als Logopäde in einer Schule aufzunehmen? Ist das üblich in der Schweiz?

Da die schulpflichtigen Kinder wohl die größte Personengruppe bilden, welche auf Logopädie angewiesen ist, sind auch die meisten Stellen im Schulbereich zu finden. Mein Abschluss ist zwar für jeden der erwähnten Tätigkeitsbereiche gültig, ich hatte aber vier meiner fünf Praktika während der Ausbildung im Kindersprachbereich. Dabei hat mir dieser Bereich auch von Anfang an am besten gefallen. Jetzt, mit abgeschlossener Ausbildung, denke ich immer wieder mal mit Neugierde an meine Zivildienstzeit zurück, in der ich einige Einblicke in die Logo im Sonderschulsetting erhalten habe. Einen Wechsel in diesen Arbeitszweig habe ich aber noch nie erwägt. Das Praktikum an der Rehaklinik hat mir gefallen, aber die Arbeit mit den Kindern entspricht mir doch mehr.

 

 

Welche Möglichkeiten hat man außerdem in der Schweiz als Sprachtherapeut? Rehakliniken, Praxen, Pflegeeinrichtungen?

Fasst man die oben erwähnten Arbeitszweige der Logopädie in der Schweiz zusammen, kommt man neben der Regelschule auf die Sonderschulen, Zentren für Vorschulkinder, Akutspitäler, Rehakliniken und Praxen (Ich hoffe jetzt, ich habe niemanden vergessen). Ob es in Pflegeeinrichtungen interne Angebote gibt, weiß ich nicht. Vielleicht arbeiten sie auch mit anderen klinischen Institutionen zusammen für die logopädische Versorgung.

 

 

Matthias Kloter - Logopäde in der Schweiz
  Im Interview: Matthias Kloter

Wie Matti mit der aktuellen Situation umgeht, wie der Schweizer Verband für Logopäden und Logopädinnen mit einem Solidaritätsfonds frei praktizierenden Sprachtherapeuten hilft und was der sympathische Schweizer Logopäde über die Vielzahl unserer Zungenbrecher denkt – das erfahrt ihr im zweiten Teil des Interviews in einer Woche! Bleibt neugierig!


 

 

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