Karma & Tinte /// #2 Loslassen

Eine Zeichnung zum Thema 'Loslassen' - gezeichnet von Resonanzgestalt

Karma & Tinte /// #2 Loslassen – ein Gastbeitrag von Resonanzgestalt


Wenn man einen Vogel an eine Leine bindet, wird er nicht nur angestrengt vor sich hin flattern, er wird bestimmt auch nicht die Lüfte erkunden, wie es sonst für ihn üblich ist. Ähnlich ist es mit so manchen Ideen und Impulsen, die unser Leben farbiger oder ein Projekt lebendiger machen können. Wir haben gelernt, diese Impulse an unsere imaginäre Leine zu legen. Versteht mich nicht falsch. Es hat natürlich sein Gutes, dass wir nicht jeder Laune hinterher hüpfen oder in bestimmten Situationen die Kontrolle verlieren. Doch gerade im kreativen Prozess kann die Leine gern etwas lockerer gehalten werden. Und hier macht sie sich dann oft bemerkbar, die antrainierte Bremse im Kopf. Bewegungsimpulse werden kontrolliert. Bilder geplant, erdacht und dann wieder zerdacht. Mit fortschreitendem Prozess wird die Angst davor, das Bild zu versauen größer und damit die Leine immer kürzer.

 

Doch wer oder was hält eigentlich die Leine am anderen Ende fest? Für jeden kann das etwas anderes sein. Vielleicht hilft es, genau diesen Leinenhalter zu identifizieren und sich auszumalen. Für mich ist es oft der Perfektionismus. Eine Idee ploppt im Kopf auf und will dann möglichst genau so auf das Papier. Mein Perfektionismus erinnert mich daran, dass ich die Linie auf jeden Fall genau an eben jener Stelle zeichnen sollte. Keine Widerrede. Und nur dort ist dieser Farbverlauf am besten aufgehoben. Was soll das heißen, die Anatomie stimmt so nicht? So geht das doch nicht. Wieder und wieder schaut er mir über die Schulter und redet auf mich ein. Die freie Kreativität verkriecht sich so lang in einer Ecke und zuckt mit den Achseln.

 

Ich habe vor einer Weile einem Skizzenbuch ein Motto gegeben: „Don‘t fear the mess –  experiment!“ Damit wollte ich einen Ort schaffen, an dem ich mich beobachten kann. Wie sehr halte ich mich und meine Impulse zurück? Im günstigsten Fall sollte der Angst vor dem versauten Bild entgegenwirkt und die Kreativität wieder aus ihrer Ecke hervorgelockt werden – mit kleinen Schritten, Beobachtungen und Grenzübertretungen. Ein paar Ideen und Techniken konnte ich so ausprobieren, auch im Rahmen einer Monatschallenge. Das große kreativ-schöpferische Chaos bei dem sich alle Sinne öffnen und die absolute Freiheit in Form und Farbe zu Papier kommt, ist bisher nicht zustande gekommen.  Wobei wir wieder beim ersten Thema von Karma & Tinte wären: Geduld 😉

 

Loslassen ist ein Herzensthema, das über das Tun seine Flügel bekommt. Druck und Zwang hält es nicht gut aus. Es will Luft zum Atmen. Wenn es auch nicht immer leicht fällt, so können Zeichnen und Malen kleine Türen zu mehr Leichtigkeit öffnen, wenn wir ungeplante Kleckse zulassen und die Pfade unserer Vorzeichnungen auch mal verlassen können. Aquarellfarben kann ich an dieser Stelle zum Beispiel empfehlen: Wasser und Farbe verbinden sich zu wunderbaren Zufallsformen, wenn man sie lässt. Dabei kann man  einfach mal abtauchen, das bunte Treiben beobachten und die Dinge geschehen lassen – die ein oder andere kreative Entdeckung beim Experimentieren inklusive. Und Zentimeter für Zentimeter lockert sich dabei unsere imaginäre Leine und der Vogel kann ein Stückchen weiter fliegen.

 


Karma & Tinte /// #1 Geduld
Werft auch gern einen Blick auf den ersten Gastbeitrag dieser Serie – Hier mehr erfahren!

 


 

One Review

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.