Karma & Tinte /// #1 Geduld

Karma & Tinte - Gastbeitrag #1 Geduld

Karma & Tinte /// #1 Geduld – ein Gastbeitrag von Resonanzgestalt


In unserem Alltag geht es oft hektisch zu. Geduld ist da Mangelware und eine unterschätzte Tugend zugleich. Schnell soll es gehen, die Zeit ist knapp und auf dem Aufgabenzettel warten noch so einige Dinge darauf, erledigt zu werden. Auf unseren Bildschirmen huschen die Momente anderer vorbei und suggerieren leichte Verfügbarkeit von Bildern, Gedanken und zauberhaften Ereignissen. Die echte Spontaneität dieser Momente ist oft fraglich.

Doch gerade in dieser Welt lohnt sich das Hinschauen, das Innehalten, das Vertiefen. Zeichnen ist dabei ein strenger, aber geduldiger Lehrer. Dass Papier geduldig ist, weiß der Volksmund. Doch die Zeichnerin selbst kann die Fassung schon einmal verlieren: „Uff, das soll ich auch alles noch schraffieren?! Oh man.“ Aber das hilft alles nichts. Die Vorzeichnung schattiert sich nicht von selbst. Sie starrt nur stumm, fordernd und halb ausgefüllt vom Blatt zurück. Dann ist das Papier auch vor allem eines: Die Konfrontation mit der Realität.

Ortswechsel. Die sozialen Medien. „Wow, was für eine Zeichnung! So ein leichter Strich und was für eine Farbstimmung!“ Da hüpft das Zeichnerinnen-Herz und wünscht sich den selben Erfolg für sich selbst – möglichst jetzt. Klar, so kann das nicht laufen. Niemand kann von Beginn an perfekt sein, denn vor allem beim Zeichnen steht hinter jedem Fortschritt ein Prozess.

In Momenten wie diesen zupft meine noch zwergenhafte Geduld an meinem Rockzipfel und lächelt mir sanft zu. Da atme ich tief durch und spreche mir selbst Mut zu. Weitermachen lautet die Devise. Bilder brauchen ihre Zeit ebenso wie der eigene Stil. Ich bin noch lange nicht die Ruhe selbst und so manches Mal ist dann doch ein hektischer Klecks oder ein Strich auf dem Papier, der nach einem kurzen Innehalten an anderer Stelle besser aufgehoben wäre.

Sicher, keineswegs soll jedes Bild von ständigem Abwägen und Zweifeln bestimmt werden. Spontaneität hat seine Berechtigung und tut dem oben beneideten lockeren Strich gut. Doch bei manchen Motiven will gut Ding Weile haben. Zeichnen konfrontiert einen mit beidem. Es hilft, die Momente wahrzunehmen und ist begleitet vom Austarieren zwischen Geduld und spontaner Zwanglosigkeit. Das Leben gibt uns immer wieder Momente, in denen diese beiden Fähigkeiten gefragt sind und jeweils ihre Zeit brauchen. Da danke ich dann ab und an still dem geduldigen Papier, dass mir immer wieder auf‘s Neue kleine Lehren erteilt. Lehren, die in an anderer Stelle wieder sinnvoll sein können. Ich für meinen Teil nehme mir jedenfalls vor, öfter einmal an mein halbfertiges Blatt Papier zu denken, wenn ich zähneknirschend und innerlich rastlos über einer Aufgabe brüte.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.