Eine junge Frau erzählt: Wie Klänge es schaffen, meiner Seele beim Heilen zu helfen

Cover zum Gastbeitrag "Mein Wegweiser: Musik"

Musik begleitet die Menschen schon seit Jahrhunderten und ist etwas, das für jeden etwas anderes bedeutet und doch immer wieder zu uns selbst führt. Klänge, Töne, Melodien und Rhythmen verbinden Menschen, stärken Bindungen, lassen unsere Herzen erwachen und unseren Körper schwingen. Nicht nur das ist es, weshalb musiktherapeutische Handlungsangebote in unterschiedlichen Entwicklungs- und Erfahrungsbereichen mittlerweile schon öfter einen hohen Stellenwert bekommen und man über die Möglichkeiten von Musik in Verbindung mit therapeutischer Beziehung weiß. So auch Jenny, eine unheimlich liebenswerte Frau, die Lust hatte, für Laute(r) Gedanken über ihre Erfahrung mit Musiktherapie zu schreiben. Ein emotionaler Text mit persönlichen Entwicklungen und der Bedeutung von Musik ist dabei entstanden. Aber lest selbst! 

 

Hallo. Mein Name ist Jenny und ich freue mich sehr hier als Gast bei Laut(er) Gedanken meine Gedanken und Erfahrungen zum Thema Musiktherapie laut werden zu lassen.
Danke dir Maria!

 

Ich persönlich habe schon verschiedenste Erfahrungen mit musiktherapeutischen Angeboten gemacht – sei es in meiner Arbeit oder auch als Patientin in einer Tagesklinik. Meine Gedanken und Meinung zu diesem vielseitigen Thema möchte ich mit meinen Worten hier gerne mit euch teilen.

Als ich das erste mal von Musiktherapie gehört habe, dachte ich zunächst primär an den Einsatz von Musik im klinischen psychotherapeutischen Setting. Wenn ich aber weiter denke, assoziiere ich noch viel mehr damit und erinnere mich nun zunächst an meinen eigenen Herzensjob als Logopädin.
Meine ersten musiktherapeutischen Erfahrungen habe ich nämlich im Rahmen meiner Ausbildung zur Logopädin gemacht. Zunächst fragte ich mich: “Was hat denn Musiktherapie mit Logopädie zu tun?” Schnell wurde es mir aber klar. Denn Geräusche, Melodien, Rhythmus – sprich Musik – sind für die Sprachentwicklung unerlässlich und spielen eine entscheidende Rolle. Während des Unterrichts, in dem wir erste Einblicke in die Musiktherapie bekommen sollten, saßen wir zusammen und haben zunächst einmal verschiedene Instrumente und verschiedene Rhythmen erzeugt und auf unterschiedliche Art und Weise ausprobiert. Im nächsten Schritt wurden diese dann mit einfachen und schweren Real- und Quatschwörtern verknüpft. Das erforderte viel Aufmerksamkeit und Konzentration, da wir die ganze Zeit genau hinhören mussten, um uns zum einen den Rhythmus, als auch die Worte zu merken. Ganz schön herausfordernd! Wenn es für uns Erwachsene schon nicht so leicht ist, wie ist es dann erst für Kinder, dachte ich mir! Aufmerksamkeit, Konzentration, Rhythmusgefühl, die Fähigkeit zu lauschen, etwas nachzuahmen, Merkfähigkeit. All das sind grundlegende Fähigkeiten, damit sich Sprache entwickeln kann. Schon zu diesem Zeitpunkt fand ich Musiktherapie sehr spannend, auch wenn der Einblick in dieses kreative Therapiefeld wirklich nur sehr kurz war. Später sollte ich dann aber noch einen tiefergehenden Einblick bekommen, aber dazu gleich mehr.

Musik und alles was damit zu tun hat, hat mich schon immer begeistert, weshalb ich es auch in meinen eigenen Sprachtherapien mit einfließen lassen wollte. So sang ich mit meinen kleinen Patienten, wir probierten gemeinsam Instrumente aus, spielten verschiedene Rhythmen, merkten uns vorgespielte Reihen und gaben sie wieder oder hatten einfach Spaß mit den Instrumenten, womit die Aufmerksamkeit und Konzentration vieler Kinder deutlich gesteigert werden konnte und sich positiv auf das Sprechen auswirkte. Die Lautunterscheidung fiel leichter, vertauschte Silben im Wort wurden nun in der richtigen Reihenfolge eingesetzt und und und!
Ich nutzte also musikalische Elemente und baute diese in meine Therapie mit ein. Für mich auch eine Form musiktheapeutischer Methoden.
Mit Musik kann man meiner Meinung nach nicht früh genug anfangen. Ich bin ein großer Freund von musikalischer Frühförderung, denn sie führt nicht nur die Kinder und auch die Eltern zusammen, sondern fördert ganzheitlich die Entwicklung – sei es körperlich, psychisch und sprachlich.

 

Musik kann vielleicht nicht die Welt retten, aber deine Seele.

 

 

Aber nicht nur meine Kleinen profitierten in der Therapie davon, sondern auch meine erwachsenen Patienten. Ich arbeite mit vielen demenzerkrankten Patienten, bei denen ich mit dem Einsatz von Musik viele tolle Erfahrungen gemacht habe. Durch Musik werden viele Erinnerungen geweckt und ich zaubere den Menschen regelmäßig ein Lächeln auf die Lippen, wenn wir zusammen singen oder Liedtexte ergänzen. Leider ist die Kommunikation häufig schon sehr stark eingeschränkt. Wenn ich mit ihnen singe freuen wir uns gemeinsam über jede Zeile, die noch von einem Lied mitgesungen werden kann oder sie summen die Melodien mit. Oft weckt Musik alte Erinnerungen. Wo sie zuvor noch sehr verwirrt und teilweise depressiv wirkten (natürlich nicht alle, aber doch einige), geht mir das Herz auf, wenn sie durch die Musik, die ich ihnen mitbringe oder vorsinge, das Strahlen beginnen. Musik bringt Herzen zusammen, macht glücklich, verbindet, öffnet, befreit und heilt. Das finde ich so toll. Es gibt keinen Patienten, der sich nicht über irgendeine Art von Musik gefreut hat.

Wie gerade schon kurz erwähnt sollte ich aber auch noch andere Erfahrungen mit der Musiktherapie machen. Im Laufe meines Lebens sammelte ich leider ziemlich viele schlechte Erfahrungen mit den Themen Mobbing, Ausgrenzung, große Streitigkeiten in der Familie, starker Perfektionismus…. wodurch ich mich immer mehr zurückzog und immer schlechter drauf kam. Von einem glücklichen Leben konnte ich schon lange nicht mehr sprechen und so wurde 2012 u.a. die Diagnose mittelschwere Depression gestellt. Ein sich ständig drehendes Gedankenkarussell quälte mich. Negative Gedanken, Zwangsgedanken. Ich war nur noch am Grübeln. Wie viel Kraft das kostete kann man sich sicher vorstellen. Es musste etwas passieren. So entschied ich mich von zu Hause auszuziehen, was für mich der erste Befreiungsschlag und die allerbeste Entscheidung war. Zwar verschlimmerten sich die Symptome dann noch einmal, weil ich mich nun fallen lassen und mich nicht mehr verstellen musste, aber nur so konnte ich dann die zweitbeste Entscheidung treffen: mich nämlich in eine psychotherapeutische Behandlung zu begeben. Kurz danach entschied ich mich sogar in eine Tagesklinik zu gehen, da sich der Zustand noch weiter verschlechterte und ich mich nicht mehr in der Lage fühlte zu arbeiten. In der Tagesklinik bekam ich die Hilfe, die ich brauchte. Neben verschiedenen Therapien wie Einzel- und Gruppengesprächen, Bewegungstherapie, Ergotherapie und Entspannungsgruppen hatte ich auch Tanztherapie und Musiktherapie. Die beiden zuletzt genannten Therapieformen waren die, von denen ich jedoch am meisten profitiert habe. Musik spielte in meinem Leben schon immer eine entscheidende Rolle und so konnte ich auch im Rahmen meiner psychischen Erkrankung davon wertschätzend vorwärts blicken. In der Vergangenheit hatte ich den Zugang zu mir irgendwie komplett verloren. Ich fühlte mich wie in einer Seifenblase, nur noch umgeben von ganz viel Schwarz, von einem Meer an Problemen. Da ich ein sehr reflektierter Mensch bin und auch zu dem Zeitpunkt war, war mir jedes meiner Symptome vollkommen klar, ich konnte jeden Gefühlszustand und jedes Verhalten beschreiben, aber ändern konnte ich ihn nicht. Ich fühlte mich komplett hilflos. “Werde ich jemals glücklich sein?” fragte ich mich ziemlich oft.  Durch und mit der Musiktherapie lernte ich wieder zu mir zu finden. Ich lernte, dass es auch noch was anderes gab außer schlechte Laune, Stimmungsschwankungen, negative Gedanken und dieses Gedankenkreisen. Mein Kopf kam erstmals zur Ruhe. Das, was Entspannungstechniken nie bei mir schafften. Dabei war es wichtig, dass ich mal zur Ruhe komme – und das konnte durch das musiktherapeutische Setting erreicht werden. Ein Bestandteil der Musiktherapie war ein Trommelkurs, der mir große Freude bereitete. Die oben beschriebene Konzentration und Aufmerksamkeit auf die Melodien und den Rhythmus fand auch hier ihren tiefen Sinn. Ich war begeistert von der Therapie. Sie lehrte mich, im Hier und Jetzt, voll und ganz in dem Moment zu sein. Die harmonischen Klänge der Trommeln hatten eine beruhigende und stimmungsaufhellende Wirkung auf mich und ich merkte, wie es in meiner Brustgegend etwas weiter wurde. Zuvor war ich nur noch ein verspannter Eisblock und die Luft zum Atmen fehlte. Während des Trommelkurses merkte ich schon, wie ich etwas entspannter wurde und zur Ruhe kam. Dadurch, dass wir bestimmte Rhythmen nachspielen oder selbst kreieren konnten, war ich automatisch mit der ganzen Aufmerksamkeit nur bei dem Trommelspiel. Natürlich musste ich auch auf die Anderen achten. Spielerisch wurden wir Patienten durch die Stunde geleitet und zumindest mir ging es danach viel besser.

Ich lernte, dass es auch noch etwas anderes außer Probleme gab, dass es auch noch Freude und Glück in mir gab. Ich lernte mich wieder zu spüren, in dem tief verborgene (Glücks-)Gefühle wieder zum Vorschein kamen. Ich lernte wieder, in dem Augenblick zu sein und ich lernte, dass ich aus alten Verhaltensweisen ausbrechen kann. Dass es möglich ist, wenn auch nur für einen kleinen und kurzen Moment. Aber mir wurde klar “Ich möchte mehr davon!” Was ich auch klasse fand war, dass wir durch das Spiel mit der Trommel unsere Gefühle ausdrücken konnten und wir es im Nachhinein gemeinsam reflektierten. Mir fiel auf, dass mir häufig gar nicht bewusst war, welche(s) Gefühl(e) jetzt gerade vorherrschen. Die Musik erleichterte es mir, den Zugang zu meinen Gefühlen wieder zu finden. Diese Erfahrung machte ich auch, wenn wir uns zur Musik bewegt haben. Hierbei lernte ich besonders mich und auch meinen Körper wieder selbst zu spüren. Der Musik zu lauschen und meinen Körper mal schnell und mal langsam zu bewegen. Ich fühlte mich leichter und befreiter. Durch schnelle und langsame, fließende, hektische, harmonische, weiche Bewegungen konnte ich auch hier einen guten Zugang zu mir selbst finden. Auch hier spürte ich die heilende Wirkung von Musik. Sie zeigte mir, dass ich LEBE. JETZT, HIER in diesem Moment! Nach diesen Stunden war meine Stimmung immer besser und mit jedem Mal mehr merkte ich auch, wie ich offener wurde.
In der psychotherapeutischen Arbeit geht es ja nicht nur darum, die Symptome zu behandeln oder Lösungen für die Probleme zu finden, sondern auch aufzuzeigen, dass man aus seinen negativen Kreisläufen mit ganz einfachen Mitteln ausbrechen kann. Aufzuzeigen, was Leben ist und wie einfach das Leben auch sein kann. In meiner Therapie ist es gelungen und ich bin sehr dankbar, dass ich auch diese Therapiemöglichkeit erleben konnte. Und mir hat es noch einmal mehr die positive Wirkung von Musik auf den Menschen, auf den Körper und die Seele gezeigt.

Und nun komme ich zum letzten Punkt meines Beitrages. Wie nun schon häufiger erwähnt, war und ist Musik ein wichtiger Teil meines Leben und ich möchte euch noch einen kurzen Einblick in meine ganz persönlichen, privaten musiktherapeutischen Erfahrungen geben. Denn Musik hat schon seit ich meinem zweiten Lebensjahr eine heilende, bekräftigende, motivierende und lösende Wirkung auf mich. Und somit möchte ich noch einmal meine Überzeugung von der Wirkung und Wichtigkeit von Musiktherapie zum Ausdruck bringen.
Seit ich denken kann, singe ich. Seit ich denken kann, höre ich Musik. Musik hatte für mich immer etwas beruhigendes, kraftspendendes und hat mich immer, wenn ich schlecht drauf war, munter gemacht. Ich habe große Freude empfunden und es hat mein Herz zum Singen gebracht, wenn ich auf der Schaukel saß und gesungen habe. Egal wo ich war, sang ich oder hörte ich Musik. Musik pushte mich, war und ist meine ganz persönliche Droge. Musik schenkte mir Selbstvertrauen. Und nicht nur das. Sie führte mich zu vielen tollen Erfahrungen und zu tollen Menschen. Ich sang in vielen Chören und die Proben und besonders die Konzerte erfüllten mich und gaben wir Selbstbewusstsein. Ein Solostück zu singen steigerte mein Selbstwertgefühl.
Je älter ich wurde, desto mehr nutzte ich die Musik für mich. Wenn es mir schlecht ging suchte ich mir Lieder, die entweder meine gegenwärtige Situation widerspiegelten, in denen ich mich verstanden und angenommen fühlte oder aber ich suchte und hörte Lieder, die mich aufbauten, deren Texte mich tief berührten, mir Kraft spendeten, teilweise sogar Lösungen aufzeigten. Für all dies bin ich unglaublich dankbar. Nicht zuletzt nutzte ich das Schreiben von eigenen Songtexten zur Verarbeitung meiner Gefühle und Gedanken. Komponieren konnte ich nie, aber dennoch gab mir das Spielen an Keyboard und Gitarre ganz viel. Ich bin keine große Spielerin, aber das was ich mir an diesen beiden Instrumenten selbst beigebracht habe, erfüllt mich noch heute mit Stolz, Selbstvertrauen, Glück und Freude.

 

 

Für mich war all das auch eine Art von Musiktherapie und zwar meine ganz eigene. Musik kann so viel ausrichten – das ist unglaublich. Egal, um welche Form von Musik es sich handelt und egal, ob es das Singen, das Spielen eines Instrumentes, dem Lauschen oder dem Bewegen zur Musik ist. Musik kann so viel bewegen, sie verbindet, sie löst, sie befreit, sie macht klarer, sie durchdringt, sie lässt die Menschen wieder zu sich selbst finden, man kann so viel über sich selbst lernen und ermöglicht es einen ganz eigenen und persönlichen Umgang mit Gedanken und Gefühlen zu finden. Das finde ich so lohnensert und daher bin ich der festen Meinung, dass Musiktherapie weiter an Wichtigkeit gewinnen sollte. Ich jedenfalls bin durch all meine Erfahrungen von der heilenden Wirkung überzeugt.

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