Zwischen den Zeilen unserer Stimme – Stimmtrainer Thomas Lascheit im Interview

Gemeinsam mit Stephanie A. Kruse entwickelte Thomas Lascheit die LaKru-Stimmtransition.

„Da sind zwei wirklich kleine Muskeln und ein bisschen Schleimhaut, die es uns ermöglichen, all unsere Gefühle auszudrücken“ – so lautet unter anderem die Antwort Thomas Lascheits auf die Frage, weshalb unsere Stimme ein so wunderbares Phänomen ist. Der Logopäde und Stimmtrainer aus Berlin hat es sich zur Leidenschaft und Aufgabe gemacht, das Thema „Stimme“ genauer zu beleuchten, KlientInnen stimmtherapeutisch professionell zur Seite zu stehen und gemeinsam mit ihnen den Weg zu einer individuellen und authentischen Stimme zu gehen. Nicht unerwähnt bleiben sollte hierbei, dass Thomas Lascheit gemeinsam mit Stephanie A. Kruse die LaKru®-Stimmtransition entwickelt hat, um eine Methode für die Verweiblichung des Stimmklangs bei Trans* zur Verfügung stehen zu haben. Was das genau bedeutet und welche spannenden Facts hinter all dieser Arbeit stehen – das erfahrt ihr im Interview! Viel Spaß beim Lesen und Entdecken! Und vielen Dank Thomas – für deine Offenheit und Bereitschaft, dir für Laute(r) Gedanken Zeit zu nehmen!


Im Gespräch mit Thomas Lascheit


 

Du bist gerne Logopäde – warum?

Ich sehe mich (leider?) gar nicht mehr so sehr als „typischen Logopäden“, sondern habe mich sehr stark zum Stimmtherapeuten/Stimmtrainer entwickelt.
Was mir jedoch an der Logopädie immer besonders Spaß gemacht hat, war die Bandbreite an KlientInnen und Störungsbildern, die man täglich gesehen hat. Du musst Dich alle 45 Minuten auf ein neues Störungsbild einlassen, fachlich kompetent agieren und dich emotional auf den Menschen und seine individuellen Bedürfnisse einlassen können.
Wenn Du dann mit einem Kleinkind mit Trisomie 21 (auch bekannt als Down-Sydrom) arbeitest, anschließend mit einer 78-jährigen Dame mit einer Aphasie (Wortfindungsstörungen), gefolgt von einem 45-jährigen Patienten mit Stimmstörung (Dysphonie) und vor der Mittagspause dann noch einen Hausbesuch bei einem Patienten mit Amyotropher Lateralsklerose und seiner Ehefrau mit Parkinson absolvierst, dann kann man sich wohl nicht über zu wenig Abwechslung oder Herausforderungen beklagen.

 

Das Gleiche gilt aber auch für mich als Stimmtherapeut: zwar sind die Störungsbilder oder Probleme der KlientInnen fachlich gesehen nicht so weit voneinander entfernt wie oben beschrieben – das mindert aber nicht die notwendige Individualität und die daraus resultierende Abwechslung.

 

 

Dein Name ist bekannt – woher kennt man dich?

Ich vermute in erster Linie durch meine Arbeit mit der LaKru®-Stimmtransition, welche ich gemeinsam mit meiner geschätzten Kollegin Stephanie A. Kruse entwickelt habe.
Es kann aber auch sein, dass man über den LAX VOX®-Shop oder mein Fortbildungsinstitut „Hauptstadt Stimme“ auf meinen Namen gestoßen ist.
Oder aber man war auf einer meiner Fortbildungen, Kongresse, Symposien etc., auf denen ich häufiger mal herumschwirre.

 

 

Kannst du 3 Wörter aufzählen, die deine Arbeit beschreiben?

 

Individuell

Wissenschaftlich fundiert

Tiefgründig

 

Unsere Stimme – warum ist sie deiner Meinung nach so ein spannendes Phänomen?

 

Das kann ich Dir gar nicht so konkret beantworten.

Unsere Stimme – und alles was dazu gehört – ist so verdammt vielseitig.

Da sind zwei wirklich kleine Muskeln und ein bisschen Schleimhaut, die es uns ermöglichen, all unsere Gefühle auszudrücken. Und damit meine ich nicht nur die Möglichkeit zur „Sprache“, sondern auch die Gefühle, die eine Stimme zwischen den Zeilen übermittelt. Die Stimme eines/einer Sängers/Sängerin zum Beispiel hat die Macht uns zum Weinen oder zum Lachen zu bringen. Eine Stimme kann uns fesseln – oder auch langweilen. Die Stimme dient uns als lautes Ventil, wenn wir wütend sind, sie tröstet unsere Mitmenschen mit sanften Klängen, wenn sie traurig sind.
Sie ist im Beruf in vielen Branchen – ich würde sogar behaupten: in ausnahmslos jedem Beruf – ein nicht zu unterschätzendes Werkzeug.
Ein Politiker kann ein ganzes Volk u.a. mit seiner Stimme bewegen – oder auch manipulieren.
Mittlerweile sind Forscher damit beschäftigt, im Klang der Stimme Krankheiten heraus zu lesen…

Ich könnte jetzt noch stundenlang weitermachen, aber ich denke Du kannst erkennen, warum ich das Thema „Stimme“ für ein sehr spannendes Phänomen halte.

 


Eine Stimme kann uns fesseln – oder auch langweilen


 

Wer kann zu dir in Behandlung kommen? Was sind die Ansätze deiner therapeutischen Arbeit?

 

Zu mir kann jeder in Behandlung oder zu einem Training kommen. Für eine Behandlung benötigt man natürlich eine ärztliche Verordnung.

♦ Was sind meine Ansätze? ♦

 

Der/die KlientIn und seine/ihre Bedürfnisse sind mein Ansatz und nach diesem richte ich mich soweit dies fachlich möglich und vertretbar ist.

Mir persönlich liegt die funktionale Stimmarbeit sehr.
Ich bin bei der Arbeit an meiner eigenen Stimme mit Bildern wie „den Ton in die Maske schicken“ oder „in die Kuppel singen“ häufig nicht zu recht gekommen. Mein Gesangslehrer sagte mir häufig: „Schick den Ton an die Rückwand Deiner Zähne, damit er etwas mehr Metall bekommt“. Ich konnte solche Bilder meist nicht konsequent und sicher abrufen. Erst recht nicht, wenn ich auf der Bühne stand und nervös war.
Ich schließe demnächst meine Ausbildung zum Certified Master Teacher of Estill Voice Training™ ab. Dieses aus der Gesangspädagogik stammende Training hat mir eine neue Stimmwelt vor Augen geführt. Sie hat mich vieles schneller (be)greifen lassen.
Natürlich freut es mich sehr, wenn Übungen aus diesem Training auch meinen KlientInnen weiterhelfen.

In der Arbeit mit Trans* ist mein Ansatz natürlich die LaKru®-Stimmtransition – wäre ja auch komisch, wenn nicht 🙂

 

Apropos: Du hast LaKru®-Stimmtransition gemeinsam mit Stephanie A. Kruse entwickelt. Kannst du den Lesern beschreiben, worum es geht?

 

Bei der LaKru®-Stimmtransition handelt es sich um eine Methode zur Verweiblichung des Stimmklangs bei Trans*. Trans* ist hier eine Abkürzung für transsexuell, transgender, transident. Das * lädt dazu ein, die individuell zutreffende Endung des Begriffes anzuwenden. Die LaKru®-Stimmtransition richtet sich also (überwiegend) an Frauen, die in einem männlichen Körper zur Welt gekommen sind und diesen nun ihrem gefühlten Geschlecht angleichen oder bereits angeglichen haben. Durch die Einnahme von Hormonen verweiblicht sich zwar körperlich viel, jedoch bleibt der tiefe, männliche Stimmklang erhalten – ein Baum (der Kehlkopf) kann wachsen (in der Pubertät), jedoch nicht wieder schrumpfen.
Die Stimme kann zwar auch durch phonochirurgische Maßnahmen verweiblicht werden, jedoch möchte nicht jede Frau eine Stimm-OP in Betracht ziehen.
Durch Stimmtraining können die anatomisch männlichen Strukturen des Kehlkopfes zwar nicht verändert, in ihrer Funktion jedoch der eines weiblichen Stimmapparates angenähert / angeglichen werden.
Um dies zu erreichen, bilden wir die Klientinnen mit Hilfe verschiedener Bausteine zu Spezialisten der eigenen Stimme aus. Im jeweiligen Baustein lernt die Klientin die Anatomie kennen. Sie erlernt die Funktion und wie diese verändert werden kann. Im letzten Schritt werden alle Bausteine kombiniert und der individuelle Feinschliff, die Authentizität der Klientin erarbeitet. Dies ist eigentlich der spannendste Teil der Arbeit: gemeinsam mit der Klientin ihren neuen Stimmklang finden. Mein geschätzter Kollege Michael Heptner nennt die Arbeit „Stimmdesign“ – ich finde diesen Ausdruck ebenfalls sehr passend.

 

Alles in allem ist die LaKru®-Stimmtransition eine sehr spannende, individuelle und emotional sehr intime Arbeit – aber auch konsequentes Training seitens der Klientin.

 

 

Gemeinsam mit Stephanie A. Kruse hast du ein Buch sowie Übungsmaterial zusammengestellt und herausgebracht. Warum sollten stimmtherapeutisch arbeitende Logopäden nicht verpassen, es zu kaufen?

 

Ich möchte kurz ergänzen, dass unsere Kollegin und ehemalige Dozentin an unserer Hochschule Diana Houben-Incze, ebenfalls an diesem Buch mitgearbeitet hat.

 

Warum ich denke, dass man nicht verpassen sollte es zu kaufen:
Zum einen denke ich, dass der Bedarf stetig größer wird. Die Gesellschaft ist trans* Menschen gegenüber heutzutage größtenteils tolerant und aufgeschlossen eingestellt. Ich bekomme auf social media Plattformen mit, dass Hilfesuchende in Kleinstädten noch große Schwierigkeiten haben, einen geeigneten Therapeuten zu finden. Das muss sich meiner Meinung nach ändern!
Ich habe mal ein „Wohnzimmer-Video“ produziert, in welchem ich Fragen aus einer Facebook Gruppe beantwortet habe. Eine Userin fragte darin: „Ich wohne 100km, von jeder Logopädin mit Trans* Erfahrung entfernt.“ Eine andere schrieb: „Hamburg, Berlin, Köln – nicht jede von uns ist ein Großstadthuhn. Was kann ich und was könnt ihr tun, um dies zu ändern?“. Ich denke unsere Materialsammlung ist ein wertvoller Beitrag dazu.

Nicht zuletzt ist die Stimmtransition fachlich betrachtet ein sehr spannendes Thema.

Die Übungen, die wir den Klientinnen in der Übungssammlung anbieten, sind ideal für die Feminisierung einer Stimme – doch sie können auch in vielen anderen Therapien eingesetzt werden. Die Übungssammlung ist sehr strukturiert aufgebaut. Ziele der jeweiligen Übung immer zu Beginn vermerkt – ein Pool an Ideen zur Bereicherung eines jeden Stimmtherapeuten.

 

Genug der Werbung 😉

 

 „Hauptstadt Stimme“ – deine Fortbildungsinstitution für Stimme in Berlin – was steht 2018 an?

 

2018 wird bei Hauptstadt Stimme nicht (mehr) all zu viel anstehen. Im Frühjahr lief der LAX VOX® Workshop und die Fortbildung Einblicke in das Estill Voice Training™ (beide doziert von Frau Kruse mit mir als Co-Trainer). Im Herbst wird es noch die LaKru-Stimmtransition Fortbildung geben – das war es dann vorerst.
Ich strukturiere meine beruflichen Aktivitäten gerade stark um.

Hier gibt es aber noch ein paar „Geheimnisse“, die jetzt noch nicht gelüftet werden.

Aus diesem Grund habe ich das Angebot von Hauptstadt Stimme 2018 auf ein Minimum runtergefahren.

Für 2019 ist aber geplant, dass Hauptstadt Stimme wieder mit einem veränderten Programm und Fokus an den Start gehen wird.

 

Kannst du den Lesern 5 Tipps geben, wie sie ihre Stimme täglich mit einfachen Übungen trainieren können?

 

  1. natürlich LAX VOX® 😉
  2. Alle SOVTEs (zum Beispiel Lippenflattern)
  3. ausreichend Wasser trinken – und dabei bedenken, dass es ca. 4 Stunden dauert bis diese Hydration die Stimmlippen erreicht.
  4. Inhalation von Wasserdampf
  5. und nochmals LAX VOX® 😉

 

Du als Sänger, Logopäde und Stimmexperte – hast du eine Lieblings-Schauspieler-Stimme?

 

Ich mag sehr viele Stimmen. Jede hat etwas Besonderes.
Wenn Du mich nun zwingst eine Stimme zu nennen, dann sag ich: Rufus Beck.
Seine Stimme ist sehr flexibel. Hörspiele mit ihm entfachen immer ein ganzes Kopfkino in mir. Ich vergesse beinahe, dass hier nur eine Person spricht. In seinem Kehlkopf sitzt ein ganzes Schauspielensemble.

Zum Einschlafen empfehle ich den Einschlafen-Podcast von Toby Baier. Seine Stimme ist sehr warm und er spricht recht monoton.

 

Thomas Lascheit ganz privat: Wenn du dich mal nicht mit dem Thema „Stimme“ und allem, was dazu gehört beschäftigst, wie verbringst du deine freie Zeit am liebsten?

 

Ähm…..Hm….
Welche Zeit, in der ich mich nicht mit allem, was dazu gehöre beschäftige?
Ich bin eine Quasselstrippe – ich beschäftige mich quasi konstant mit dem Thema. Selbst wenn ich mit meinem Hund Gassi gehe probiere ich teilweise aus, ob er besser hört wenn ich mit etwas mehr oder etwas weniger Twang „Hiiiier“ rufe…

Meine bisherigen Forschungsergebnisse hierzu: es macht keinen Unterschied wie viel Twang ich nutze: abhängig von der Anzahl der Käse- und Wurststückchen im Beutel kommt er schnell – oder eben nicht. J

 

Danke für dieses Kopfkino, Thomas! 🙂 Und zu guter Letzt – Beende bitte den Satz: „Ohne Logopäden wäre die Welt ….“

…weniger verständlich.

 

 


Wir bilden die Klientinnen zu Spezialisten ihrer eigenen Stimme aus.


 

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