Laute(r) Gedanken fragt nach: Fellnase in der Logopädie

Lisa Bott und Therapiebegleithund Pacco helfen kleinen und großen Patienten beim Sprechen.

Kommunikation schaffen durch tiergestütztes Arbeiten – das hat sich Lisa mit ihrem Therapiebegleithund Pacco zur Aufgabe gemacht, die schon lange mehr als nur ein Beruf ist. Um mehr über Lisas logopädische Arbeit zu erfahren, habe ich ihr einige Fragen gestellt und sie hat sie mir und euch offen und mit interessanten Facts beantwortet! Aber lest selbst! Als Lisa und ich uns im vergangenen Jahr zum Klassentreffen der Logopädie-Ausbildung wieder getroffen haben, fand ich es spannend, wie ihr Hund Pacco nun als Therapiebegleithund immer an ihrer Seite steht. Ich erinnere mich daran, dass Lisa schon in der Ausbildung vor hatte, ihren Hund als solchen auszubilden, um ihn dann für die Sprachtherapie als treuen Freund der Patienten positiv unterstützend mit einbinden zu können. Immer wieder sieht man, welche Wirkung Tiere haben – auf Kinder sowie auf erwachsene Menschen. Sie faszinieren uns und schauen uns mit ihrem Blick an, als könne dieser niemals lügen. Sie sind Motivierer und Begleiter und für manche Menschen der einzige Freund an ihrer Seite. Ganz klar hat die tiergestützte Arbeit in der Logopädie und in anderen therapeutischen Bereichen auch Grenzen und nicht für jeden Patienten sind Therapiebegleithunde eine Hilfe.Ich wusste einfach noch zu wenig über das tiergestützte Arbeiten in der Logopädie und habe das als Anlass genutzt, Lisa mit ein paar Fragen zu löchern. Ich freue mich sehr, dass ich daraus nun einen Beitrag zusammenfassen konnte, der nun auch euch einen tieferen Einblick verschaffen kann.

 

 


♥ Im Interview mit Lisa Bott & Therapiebegleithund Pacco ♥


Liebe Lisa, du bist nie allein unterwegs – wer ist denn deine Begleitung?

Hallo =) Dieser junge Mann mit der feuchten Nase ist mein Therapiebegleithund „Pacco“.

 

Du bist Logopädin und führst deine Therapien mit Pacco, deinem Therapiebegleithund durch, richtig? Ist denn dafür eine Ausbildung notwendig oder kann jeder, der einen Hund hat, tiergestützte Therapien anbieten?

 

Um es vorweg zu nehmen: es sind Therapiebegleithunde und keine Therapiehunde. Die Hunde therapieren nicht. Sie begleiten und unterstützen die Therapie, daher heißen sie Therapiebegleithunde.

 

Leider ist das Ganze nicht so einfach. Die Arbeit mit einem „Therapiehund“ nimmt zwar immer mehr an Beliebtheit zu und man liest es auch immer mehr in Praxen oder Medien, was auch sehr gut ist, aber nicht jeder, der einen Hund hat und ihn mit zur Therapie nimmt, kann sich Therapiehund nennen.
Von Beginn an: Man sollte unbedingt mit seinem Hund eine Ausbildung zum Therapiebegleithundeteam absolvieren. Denn in der Ausbildung wird nicht nur der Hund ausgebildet. Das nimmt ehrlich gesagt einen sehr geringen Anteil in der Ausbildung ein. Klar wird der Hund an seine Arbeit herangeführt. Er erlernt in dieser Ausbildung Tricks, die er für seine weitere Arbeit gebrauchen kann und er bekommt einen ersten Einblick in seinen neuen „Job“, aber was ich wirklich wichtiger finde, ist die Arbeit am Hundeführer. Diese Ausbildung arbeitet ungemein an der Mensch-Hund Beziehung. Man lernt seinen Hund ganz anders kennen. Man arbeitet sehr viel an der Bindung zum Hund, damit der Hund weiß, dass er sich immer auf seinen Halter verlassen kann und man ihn niemals in Situationen drängen würde, die man ihm nicht zutraut. Dafür machen wir als Hundeführer beispielsweise einen Kurs, dass wir Stresssignale an unseren Hunden erkennen und so eingreifen können, wenn der Hund mit der Situation nicht zurechtkommt. Es werden Praxissituationen durchgespielt, um Hundeführer und Hund beobachten zu können und Hilfestellungen oder Tipps zu geben. Das war gerade am Anfang hilfreich und unterstützend, weil man noch keine Erfahrung hatte und somit von unseren Trainern, die selber alle Therapiebegleithunde haben und aktiv mit ihnen unterwegs sind, zu lernen.
An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei unserem Ausbildungsinstitut bedanken, dem „Therapie- und Ausbildungszentrum Magdeburg/Schwaneberg“. Sie haben uns super unterstützt und ganz viel beigebracht.
Um aber auf deine Frage zurückzukommen… Ein wichtiger Punkt, warum das nicht jeder machen kann ist die Versicherung! Der Hund ist ohne bestandene Ausbildung nicht versichert! Falls einmal etwas passieren sollte, auch wenn es nur ein Kratzer oder kaputte Kleidung ist, weil beispielsweise beim „Pfote geben“ die Kralle im Pullover hängen bleibt, würde dies  keine Versicherung bezahlen.
Zudem wird ein Therapiebegleithund jährlich geprüft, sodass die Trainer immer ein Auge auf den Hund und das Team haben können. Dies ist bei nicht ausgebildeten Hunden auch nicht der Fall und ist teilweise ein großes Risiko.

 

Ist jeder Hund als Therapiebegleithund geeignet? Was hast du für einen Hund und warum ist genau er der, für den du dich entschieden hast? Welche Rasse / welche Hunde sind nicht geeignet?

 

Letztendlich kann jede Rasse ein Therapiebegleithund werden. Ich kenne sogenannte Listenhunde, die tolle Therapiebegleithunde sind, aber auch Dackel, Pudel oder auch Berner Sennenhunde. Es kommt nicht auf die Rasse des Hundes an, sondern auf den Charakter und seinen „Mitbringseln“ sozusagen =D
Ich musste mit Pacco, bevor wir die Ausbildung beginnen konnten, eine Sichtung durchführen. Hier wurde auf verschiedene Sachen geschaut: Wie tiefgründig ist unsere Bindung? Wie reagiert er auf bestimmte Sachen, die ihm begegnen könnten, wie Krücken, Rollstuhl, plötzlichen Bewegungen (wie bei plötzlichen Muskelzuckungen) oder plötzlich laute Geräusche? Es wurde seine Reaktion bei diesen Situationen getestet. Wenn der Hund aggressiv oder extrem ängstlich reagiert, kann man schon sagen, dass er die Prüfungen wohl nicht bestehen würde und daher nicht zum Therapiebegleithund geeignet ist.
Daher kann, meiner Meinung nach, jede Rasse ein toller Therapiebegleithund werden.
Wieso hab ich mir Pacco ausgesucht? Ich bin mit Labrador Retrievern aufgewachsen und ich wusste, dass ich immer wieder einen Labrador Retriever haben wollte. Ich habe mir Pacco hauptsächlich als Familienhund ausgesucht. Ich wollte immer einen Therapiebegleithund haben und auch wenn Pacco nicht dafür geeignet gewesen wäre, wäre das auch ok gewesen.
Er war vom Wurf der Erste, der zu mir und meinem Mann gekrabbelt kam und das war für uns das Zeichen, dass dies unser kleiner Familienzuwachs wird. 🙂 Dass er nun wirklich zum Therapiebegleithund ausgebildet werden konnte, war ein kleiner Bonus!
Es kann daher jeder Hund mit einem festen/guten/starken Charakter ein Therapiebegleithund werden.

 

“Ich möchte, dass die Patienten mir vertrauen können, was die Sache mit Pacco angeht.”

 

Wie kamst du auf die Idee?

 

Ich bin im Jahr 2009 mit dem Hund meiner Eltern zur Grundausbildung in die Hundeschule gegangen, die übrigens die war, in der Pacco und ich unsere Ausbildung gemacht haben. In diesem Grundgehorsamkurs war eine Logopädin, die ihren Hund nebenbei zum Therapiehund ausgebildet hat. Da hatte ich das erste Mal davon gehört und auch von dem Beruf des Logopäden. Da ich eine Gesangsausbildung hatte und jahrelangen Sprecherziehungsunterricht wusste ich, dass das nun die beste Kombination für mich ist. Mein bisheriges Können mit der Unterstützung von Tieren zu verbinden war genau das, was meiner Berufsvorstellung noch gefehlt hatte.

 

Ist Pacco nur bei Kindertherapien dabei oder auch bei Erwachsenen?

 

Ich habe mit Pacco, bevor ich die Therapiebegleithundeausbildung gemacht habe, die Ausbildung zum Besuchshund gemacht. Aus der Ausbildung kannte er bereits die Arbeit mit Senioren und Kindern mit leichten Behinderungen. Mir ist dabei aufgefallen, dass ihm die Arbeit mit Kindern wesentlich mehr Spaß macht. Daher arbeitet er bei mir auf Arbeit im Moment eigentlich nur mit Kindern.

 

Wie schätzt du die Bedeutung eines Tieres innerhalb therapeutischer Maßnahmen ein?

 

Ich finde Tiere können in therapeutischen Maßnahmen eine sehr große Bedeutung haben, wenn man sie richtig einsetzt. Ein Therapiebegleithund kann verschiedene Rollen in der Therapie einnehmen. Er kann Motivator sein, eine Brücke zu dem Patienten oder auch der beste Kumpel.
Ich selber hatte einen Patienten, der seit 3 Jahren ohne Therapiepause in der Praxis war. Dieser Junge hatte keinerlei Motivation in der Therapie irgendwas zu machen. Ich hatte ihm dann vorgeschlagen, uns einen Helfer dazu zu holen und schwupps hat der Junge wieder mitgearbeitet! Wir hatten in 3 Monaten mit Pacco mehr Erfolge als in dem halben Jahr zuvor.
Ich bin aber auch der Meinung, dass man diese Wirkung auch mit anderen Dingen erreichen kann, beispielsweise mit Musik oder Tanz. Man muss schauen, was zu dem Patienten passt und womit er sich wohlfühlt.

 

Man hört ja, dass Tiere im Alter noch besonders wichtig für die Menschen sind – bist du im Pflegeheim unterwegs? Wie steht es da mit der Hygiene?

 

Im Pflegeheim waren wir nur im Rahmen unserer Besuchshundeausbildung. Aber auch hier haben wir erstaunliche Erfahrungen gemacht. Ich war nur als Halter zur Supervision mit einem Dackel in einer Demenzgruppe. Urplötzlich fing eine Dame, die seit Monaten kein Wort gesagt hat, an zu erzählen, dass sie auch mal einen Dackel hatte als sie klein war und erzählte Geschichten über Geschichten. Also wenn man in Pflegeheimen, Behindertenstätten, Kindergärten oder auch in der eigene Praxis ist, gibt es einen Hygieneplan. Dieser beinhaltet zum Beispiel die Hygiene am Hund. Beispielsweise den Parasitenplan. Pacco bekommt täglich seine Tropfen gegen Zecken/Flöhe etc. auf biologischer Basis oder vierteljährlich seine biologische Wurmkur. Da diese biologisch sind, muss ich keine Sperrfristen einhalten. Bei chemischen Medikamenten muss ich eine Sperrfrist von 2 Wochen einhalten. Der Hygieneplan sieht aber auch die Vorgaben zur Reinigung von Hundedecken, Näpfen oder ähnlichem vor. Dieser Plan wird von beiden Parteien ausgearbeitet und unterschrieben.

 

Wie gehst du mit Angst vor Hunden um? Es gibt ja sicherlich Kinder und Erwachsene, die diese Angst mitbringen.

 

Es gibt unterschiedliche Handhabungen mit Therapiehunden. Manche haben den Hund immer in ihrer Praxis und können ihn jederzeit einsetzen. Dies ist aber nicht meine Vorgehensweise. Ich bespreche es mit Patient und Eltern, ob Pacco eingesetzt werden sollte oder ob sie es nicht möchten. Ich zwinge niemanden mit Pacco zu arbeiten. Es ist ein Zusatzangebot meinerseits. Ich hatte schon Patienten, die in der ersten Stunde Angst hatten, da er schon ziemlich groß ist und schwarz (was leider immer angsteinflößend wirkt). In solchen Stunde nähere ich Pacco langsam an. Pacco bleibt auf seiner Decke liegen und wird eher von mir in die Therapie einbezogen. Die Kinder haben eine große Neugier auf Pacco und wollen mit ihm arbeiten, trauen sich aber einfach nicht. Für dieses Problem kann Pacco Tricks auf Entfernung. So haben die Kinder einen Sicherheitsabstand und haben trotzdem den positiven Effekt, mit ihm arbeiten zu dürfen. Und oft werden sie von Stunde zu Stunde mutiger und trauen sich immer mehr.
Aber wenn der Patient nicht will oder sich nicht traut, wird er zu nichts gezwungen. Es geht schließlich um den Patienten und ich muss Pacco nicht um jeden Preis einsetzen.

 

“Ein Therapiebegleithund kann unterschiedliche Rollen einnehmen – er kann ein Motivator sein, ein bester Kumpel oder eine Brücke zum Patienten oder Therapeuten sein”

 

Kannst du pauschal sagen, bei welchen Störungen / Defiziten / Einschränkungen der Hund sich besonders gut eignet in der Therapie? Gegenfrage: Wann sollte von einer tiergestützten Logopädie Abstand gehalten werden (Kontraindikationen)?

 

Nach langer Überlegung fallen mir nur gesundheitlich Kontraindikationen ein. Beispielsweise eine Tierhaarallergie oder Asthma. Therapiebegleithunde werden eigentlich überall eingesetzt. Ruhige Hunde werden bei Tracheosthomapatienten eingesetzt als Sensibilitätsfaktor. Die Patienten spüren die Atmung, das Fell, die Wärme oder den Herzschlag des Hundes. Der Hund muss nicht immer etwas machen, er kann auch einfach nur da sein. Viele Kinder mit ADS/ADHS werden ruhiger, um den Hund nicht zu verschrecken, der bei einem liegt. Stotterpatienten nutzen den Hund als Ruhepol und zeigen weniger Symptome, während sie den Hund streicheln. Eine LRS-Therapie ist gleich nicht mehr ganz so „trocken“ und macht den Kindern mehr Spaß- schließlich kann einem Hund etwas vorgelesen werden (weil er es nicht kann) und er verbessert einen nicht.
Es gibt kein Störungsbild, bei welchem man eine tiergestützte Therapie nicht einsetzen kann. Man muss vorher nur eine gute Anamnese führen und sicher sein, dass es unterstützend sein kann.

 

Hast du das Gefühl, Kinder kommen leichter mit Tieren in Kontakt als mit Menschen? Dient der Hund als Kommunikationshilfe? Als Brücke?

 

Da die Kinder oft erst mich richtig kennenlernen und dann Pacco kann ich es nicht sagen, ob sie mit Pacco leichter Kontakt knüpfen als mit mir. Ich möchte, dass die Patienten mir vertrauen können, was die Arbeit mit Pacco angeht. Aber gerade bei redefaulen Kindern ist er oft eine Kommunikationsbrücke. Sie interessieren sich für ihn und stellen viele Fragen. Ich hatte sogar einen Patienten, der sich mit der Rasse näher beschäftigt hat und freiwillig einen Text dazu gelesen hat. Um dann in der nächsten Stunde vergleichen zu können, da Pacco nur ein Labradormix ist. Manche erzählen über ihre Hundeerfahrungen oder fragen interessiert, wieso er was macht. In einer Stunde hatte ich einen Patienten, der sonst nur diese typischen Ein-Wort-Pubertät-Antworten hatte, der Pacco mit sich verglichen hat. Wir haben Zehen und Zähne gezählt und mit uns selbst verglichen. Wir haben geguckt, wer im Liegen größer ist von beiden und wer im Stehen.  Dies war eine sehr lustige Stunde, die ich so schnell nicht vergesse!

 

Ist es leicht, in einer normalen logopädischen Praxis eine Anstellung zu finden, wenn man einen Hund hat? Gibt es eine Verordnungsregelung bzgl. tiergestützter Therapien? Zahlen das die Krankenkassen?

 

Die Frage habe ich mir auch gestellt. Ich musste mir Ende 2016 eine neue Anstellung suchen, wo ich mit Pacco noch in der Ausbildung zum Therapiebegleithund war. Viele Praxen, die auch noch keine Erfahrungen mit dem Thema hatten, waren sehr interessiert und es war immer ein großes Thema in den Vorstellungsgesprächen. Letztendlich hatte ich nicht das Gefühl, dass es schwerer war. Die Wohnungssuche war wesentlich schwieriger =D
Leider werden tiergestützte Maßnahmen noch nicht wirklich von den Krankenkassen anerkannt. Wir sind deshalb auch in einem Verein „tierisch geborgen e.V“, der für tiergestützte Maßnahmen Spenden sammelt, um so Patienten, die davon profitieren würden, zu unterstützen (nicht nur logopädisch). Daher ist es keine Zusatzleistung, die wir vergütet bekommen und auch nicht von den Krankenkassen übernommen wird. Ich biete es als unterstütze Maßnahme an wie Tapen oder das Novafon ohne zusätzliche Vergütung.

 

In einem Satz – was macht für dich die Arbeit als tiergestützte Therapeutin so spannend?

 

Spannend an der tiergestützten Arbeit ist für mich, dass ich jeden Patienten, meinen Hund Pacco, aber auch mich selbst in jeder Stunde von einer anderen und neuen Seite kennenlerne.

 

 

Lisa, vielen Dank für deine spannenden, ehrlichen und so praxisnahen Antworten. Es hat mir Spaß gemacht, viel mehr über deine Arbeit mit Pacco zu erfahren. Ich kann mir richtig gut vorstellen, mit wie viel Spaß die Kids an die Therapie herangehen, wenn sie jede Stunde aufs Neue von einer Fellnase begrüßt werden.

 

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