Liebes 2018 – mein Brief an dich

Roter Abendhimmel im Januar

Liebes 2018, du bist gerade einmal 30 Tage alt und du gibst mir das Gefühl, als hätte ich schon jetzt gern, dass du so schnell wie möglich vorüber gehst. Vor 30 Tagen dachte ich, du meinst es gut – doch heute zweifele ich daran, was du eigentlich mit uns gerade vor hast. Es geht gar nicht nur um mich, sondern um all die Nachrichten, die mich so tagtäglich erreichen. Vielen Menschen hast du schon im ersten Wintermonat so viel Trauer beschert und wahrscheinlich weißt du nicht einmal warum! Meinst du, es ist in Ordnung, dass du schon in so großen Schritten vorangehst und uns nicht einmal Zeit lässt, die Frühlingssonne zu erwarten, um neue Kraft zu tanken, um wieder aufzustehen? Denn es heißt doch, dass Frühling so etwas wie ein Neubeginn ist. Leider ist es für viele nicht so. Doch liebes 2018, ich bin auch glücklich, dass es dich gibt. Denn wenn du nicht wärst, würde ja die Zeit stehen bleiben und wir wären noch im Jahr 2017 und viel früher. Wir Menschen wären dann immer noch die Menschen, die wir schon immer waren, weil wir uns nie entwickeln würden. Doch du gehst zu schnell an mir vorbei und nimmst nicht nur mir viel zu oft schon jetzt den Mut, die Kraft und die Energie. Und das schlimmste: entweder nimmst du schon jetzt den Menschen die Menschen, schaffst Ärger und Krankheit und erfindest wöchentlich neue Dinge, die uns herunterziehen. Ja, liebes 2018, du hast schon recht damit, wenn du sagst, dass wir uns ja gar nicht davon herunterziehen lassen müssen, wenn wir nur stark sind und alles positiv betrachten. Und ja, du bist auch für uns da. Denn jeden Tag schaffst du es, die Sonne aufgehen zu lassen, bevor sie untergeht. Ich habe auch schon bemerkt, dass du die Tage etwas länger werden lässt und es jetzt nicht all zu früh schon kohlrabenschwarz am Himmel ist. Ich danke dir auch dafür, dass die Sonne schon zu dem einen oder anderem Spaziergang nach getaner Arbeit einlädt. Doch denkst du, du machst damit gut, was du so einigen unter uns bescherst? Ich will dir vertrauen und auf dich bauen und nicht verzweifelt und wie versteinert vor einer Krankenhaustür sitzen, weil du uns nicht wissen lässt, wie es weitergeht. Liebes neues Jahr, ich wünschte mir von dir Klarheit und Glück. Und du brauchst mir gar nicht erklären, dass ich Glück nicht spüren könnte, wenn ich keine Trauer in mir hätte. Ja, das habe ich schon kapiert, als es dich noch nicht gab. Trotzdem bin ich wütend auf dich. Da draußen sitzen Menschen, die auf dich gebaut haben und nicht damit gerechnet haben, dass du so schnell zu ihnen kommst. Und liebes 2018 – hast du nicht die Acht in deinem Namen, weil du auf uns Acht geben wolltest? Die Acht, die doch umgehrt eigentlich Unendlichkeit bedeutet? Aha, liebes 2018, ich glaube, ich beginne, dich zu durchschauen: vielleicht weißt du ja um die Bedeutung deines Namens und weißt, dass die große weite Welt genau diese Erwartungen an dich hat. Ist es, weil du damit nicht klar kommst? Sind die Erwartungen, Unendlichkeit zu erfüllen, einfach zu hoch? Wie sollst du das auch schaffen, wenn du noch zusätzlich eine Null in deinem Namen hast. Eine Null hat zwar keine Ecken und Kanten, aber dafür ist sie wahrscheinlich auch gar nicht dafür bereit, für dich mit einzustehen, wenn du merkst, dass ein Bogen deiner unendlichen Schleife einen kleinen Riss hat. Ich glaube, ich kann dich schon etwas verstehen, liebes neues Jahr. Doch bitte. Übertreib es doch nicht. Du weißt doch, dass du auch für wesentlich mehr Lebewesen auf dieser Erde Glück bedeuten kannst. Streue doch lieber das in die Welt statt traurige Nachrichten. Träufle doch einfach mal einen bunten Klecks ins ganze Grau und schenke ihn uns nicht nur für ein paar Tage. Wir wollen auf dich bauen, dir vertrauen, dich empfehlen und zu dir stehen. Wir wollen Wunder, keine Plage, wollen fried- und wonnevolle Tage. Wir setzen auf dich, deine unendliche Weite, akzeptieren ganz klar auch deine weniger helle Seite. Doch lass es Frühling werden, mit weniger Schmerz, dafür mit unendlich viel Herz.

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