„Erzähl’ doch mal!“ – Über die Erzählfähigkeit

Holzbuchstaben in einem Gitterrätsel.

Ich erinnere mich gerne daran zurück: der Schulbus hielt an, ich stieg aus und lief eiligen Schrittes zum Haus meiner Oma. Sie hatte immer schon das Essen gekocht und am Fenster winkend auf mich gewartet. Als wir am Tisch saßen, war mein Mund nie still. Ich erzählte ohne Punkt und Komma von meinem Schultag, erzählte von lustigen Erlebnissen, aber auch davon, wer einmal wieder keine Hausaufgaben dabei hatte, wer sich in meinen Augen „unmöglich benommen“ hatte oder welche Lieder wir im Musikunterricht gelernt hatten. Wahrscheinlich hat meine Oma sogar immer zugehört, denn sie hat auf jede noch so kleinste Kleinigkeit reagiert, als wüsste sie genau, welches Kind ich meinte. Ob ich, wenn ich heute noch mal in die Grundschule gehen würde, auch so viel zu erzählen hätte? Ob ich dann auch eine Quasselstrippe wäre?

 

Irgendwie habe ich manchmal innerhalb der logopädischen Therapie mit Vorschulkindern und Kindern der 1. Klasse das Gefühl, dass das Erzählen etwas ist, das für sie nichts Alltägliches ist. Es scheint, als sei es etwas anstrengendes, das für sie einfach viel zu schwierig ist, zu bewältigen. Es scheitert oftmals schon am Blickkontakt und an der Freude daran, mit strahlenden Augen davon zu berichten, wie wunderbar es in der Hofpause auf dem Spielplatz war oder welche kreativen Streiche die Kids den Lehrern wohl gespielt haben. Ihr kennt das – ihr fragt „Na, hattest du einen tollen Tag?“ und das einzige, was kommt ist „Ja“. Erst nach mehrmaligem Nachfragen erzählen manche Mädchen oder Jungen dann von ihrem Tag, jedoch leider gar nicht so ausgeschmückt, wie er vielleicht wirklich war. Natürlich – ich bin Logopädin und habe Kinder vor mir sitzen, die Sprachschwierigkeiten haben und genau deshalb auch bei mir sind. Selbstverständlich wimmelt es in unserer großen, bunten Welt auch vor Kids, die Plapperfrösche sind und gar nicht mehr wissen, was sie uns alles schon erzählt haben. Aber um sie soll es in meinem Bericht heute gar nicht gehen. Ich meine eher jene, denen es sichtbar vor einem Wimmelbuch graut, auf dessen Seiten unendlich viele Möglichkeiten zum Kommunikationsaustausch abgebildet sind. Denn es geht gar nicht darum, ein Kind auszufragen, was es zum Mittag gegessen hat, was das tollste Unterrichtsfach heute war oder wer das coolste Fahrrad hat. Vielmehr geht es beim Erzählen auch um zwischenmenschlichen Kontakt, der unheimlich wichtig ist, um soziale Kompetenzen zu stärken, sich selbst zu organisieren und zu strukturieren, eigene Lese- und Schreibfähigkeiten voranzutreiben und eben auch die Fähigkeiten zu entwickeln, bei Unklarheiten nachzufragen. Nur so kann Klarheit entstehen. Ich glaube, viele kleinen Menschen, die ich meine, sind überfordert von farbigen Bildern in mehreren tausenden Tätigkeitsfeldern, weil sie es nicht mehr kennen. Der Blickwinkel wird zu oft auf einen digitalen Kasten gelegt, der direkt vor den Augen flimmert und wir so die Aufmerksamkeit gar nicht mehr auf die Dinge lenken können und müssen, die sich rundherum ergeben. So aber anders in einem Wimmelbuch – denn wie es der Name so schön sagt, wimmelt es darin vor lauter logischen, aber auch humorvollen Zusammenhängen, die es wert sind, ihnen manchmal sogar mehr als nur einen Blick zu schenken.

 

Hier könnt ihr einen Blick in zwei meiner Lieblingswimmelbücher werfen:

 

 

Erzählen. Sprechen. Reden. Berichten. Quatschen. Quasseln. Plappern. Beschreiben. Erklären. Kommunizieren. Austauschen. Unterhalten.

 

Der Wortschatz der Kleinen wird stets erweitert, wenn nicht nur sie dazu animiert werden, uns von ihren Geschichten, Fantasien und Geistern im Kopf zu erzählen, sondern auch wenn Eltern und andere sprachliche Vorbilder sich einmal wieder ganz auf das Erzählen konzentrieren – ohne, dass zwischendurch das Handy vibriert oder schnell noch der Ofen angeschmissen wird. Ohne, dass die Wäsche nebenbei aufgehängt wird und der Kindermund schon spricht und wir nur mit halbem Ohr dabei sind. Auch wir Erwachsene können unseren Kids ruhig mal gönnen, ihnen mehr zu erzählen – sprachliches Begleiten von Handlungen oder auch das Berichten von Erlebnissen, die unseren Tag ausgemacht haben. Auch ich lerne jetzt noch immer neue Wörter kennen, wenn ich in den verbalen Austausch mit anderen gehe und es bereichert meinen Geist.

 

 

Ich bin oftmals so fasziniert von Kindern, die die Lust packt, mir zu erzählen, was sie am Wochenende zu Hause erlebt haben, womit sie gespielt haben und welche neuesten Dinge sie können. Und jeden Tag kommen so viele wunderbare Erlebnisse hinzu. Es wird immer Momente geben, in denen auch wir keine Lust haben, über etwas zu sprechen oder Ereignisse mit den schönsten Wörtern auszudrücken. Die Akzeptanz solcher Situationen sollte immer berücksichtigt werden – auch Kindern gegenüber.

 

“Erzählen ist wie Tanzen; im Rhythmus eines Tanzenden bewegt sich der Erzähler auf die Wirklichkeit zu.”

Ich habe für euch einige Materialien zusammengesammelt, die ihr zur Förderung für die Erzählfähigkeit gut verwenden könnt. Schaut sie euch doch einfach mal an.

 

 

 

2 Review

  1. Hallo Maria schön wie du hier über deine Gedanken berichtest und dass du so begeistert von dem erzählen von Dingen bist. Ich selbst muss zugeben dass ich als Kind auch nie wirklich viel geredet habe nicht weil ich nicht sprechen konnte sondern einfach weil für mich die Welt mit anderen Augen betrachtet wurde und es viele Dinge gab die für mich einfach nicht erzählenswert waren. Dinge wie was ich zu essen hatte oder wie es in der Schule war war für mich alles unwichtig. Wirklich bedeutende Dinge hingegen wie zum Beispiel das mal eine Schülerin in der Grundschule aufs Schuldach geklettert ist und sich damit eine Lebensgefährliche Lage gebracht hat wurden von mir gerne erzählt. Ich denke es ist schwierig abzuschätzen warum ein Kind nicht so gerne redet ob es nun an den Sprachschwierigkeiten liegt oder daran das sie nichts zu erzählen haben. Am Ende zählt auch der Charakter ob und wie gerne ein Mensch etwas erzählt.

    1. Hallo Timo. Schön, dass dir mein Beitrag gefällt. Danke für deine Meinung, der ich voll und ganz zustimme. Deshalb habe ich auch ganz bewusst in meinem letzten Satz des Beitrags geschrieben, dass es wichtig ist, Akzeptanz auch für Situationen zu haben, in denen die Kids (sowie auch Erwachsene) keine Muße haben, mit uns zu erzählen. Denn jeder braucht auch Zeit für sich und dafür, auch Gedanken einfach nur für sich mal im Kopf sammeln zu können.

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