Dysphagie und Weihnachtsgans

Gedeckter Tisch mit Dekoration zum Weihnachtsfest.

Die Weihnachtstage sind vorbei. Wieder einmal viel zu schnell wie ich finde. Wochenlang bereiten wir uns auf das große Fest vor, das sich letztendlich ja doch nur über drei Tage zieht, an denen wir uns erfreuen an kleinen und großen Freuden, an denen die Familie beisammen sitzt, die sonst kilometerweit voneinander entfernt wohnt und das Essen bis zum Himmel reicht. Obwohl wir schon längst satt sind, löffeln wir unser Dessert bis zum letzten Krümel auf und beschweren uns dann darüber, dass wir doch eigentlich schon vorher satt waren. Auch mir ging es während der Festtage nicht anders – doch kann ich sagen, dass ich mittlerweile wirklich mehr mit Genuss esse, als das Essen schnell hineinzuschlingen, weil es so verdammt gut schmeckt. Und dabei kam mir der Gedanke, dass wir wirklich dankbar und glücklich sein können, dass wir überhaupt den leckeren Weihnachtsbraten zu uns nehmen können.

 

Dabei frage ich mich: wie könnte es Patienten mit einer Schluckstörung gehen, während wir genüsslich den Weihnachtsbraten verschlingen?  

 

Bei diesem Gedanken ist mir völlig bewusst, dass einige unserer Patienten mit einer Schluckstörung wohl grundsätzlich nicht im Kreise ihrer Familie die Weihnachtstage verbringen können und dieser Fakt allein schon traurig genug ist. Doch gingen meine Gedanken eher an all diejenige, die aufgrund akuter oder auch langjährig bestehender Krankheit nicht in der Lage sind so wie „die anderen“ das Festmahl zu genießen. Nicht nur, dass es für die Patienten traurig ist, dass sie ihre gewohnte Weihnachtsgans nicht essen können so wie sie es früher taten, sondern auch, dass es für die ein von Scham besetztes Gefühl ist, sich mit den anderen an den Tisch zu setzen und dafür pürierte Kost zu essen oder vor leerem Teller zu sitzen – so berichtete es mir einmal ein Patient. Er verschluckte sich sogar einmal so sehr am Tisch, dass das „Essen wieder hoch kam“ und er dann das ganze Weihnachtsfest nicht mehr mit der Familie am Tisch gegessen hat, weil er mittlerweile Angst vor dem (Ver)Schlucken entwickelt hatte. So ist es – aus Scham wird Angst. Diesen Fakt ließ ich mir durch den Kopf gehen und wollte meine Gedanken in Worte fassen. Für uns ist es eine Selbstverständlichkeit, Plätzchenteig zu naschen, Lebkuchen und gebrannte Mandeln auf dem Weihnachtsmarkt zu kaufen, die Weihnachtsgans mit der Familie zu teilen und das liebevoll in vielen Stunden zubereitete Essen binnen weniger Minuten aufzuessen. Viele Familien verbringen den ersten oder zweiten Weihnachtstag im Restaurant – wie fühlt es sich an für den Patienten, der sich ein Tuch um den Hals bindet, damit er seine Kleidung nicht bekleckert? Wie fühlt es sich an für ihn, wenn ihn seine Frau das Essen zerkleinert, mit Soße zermatscht und ihm diesen Brei dann füttert? Wie fühlt es sich an, wenn er sich verschluckt und der komplette Gastraum die Blicke auf ihn richtet? Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt. Ich kann es mir nur denken und mich in die Lage hineinversetzen. Natürlich gebe ich zu bedenken, dass ich damit nicht sagen möchte, dass der Patient lieber zu Hause sitzen sollte und seine Mittagessen dort zu sich nehmen sollte – ganz im Gegenteil: es geht hier in meinen Gedankenspielen zur Dysphagie nicht darum, dass ein Patient mit Dysphagie ausgeschlossen werden sollte. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass auch Menschen, die „anders“ essen, integriert werden und dass es keine Schande ist, angepasst zu essen. Angepasst, um für sich zu sorgen. Denn nur diese Fürsorge verschafft dem Angehörigen und dem Patienten selbst ein Stück weit mehr Wohlbefinden. Wenn die Menschen diese Akzeptanz entwickeln und ihr Denken erweitern, so ist der Angst des Patienten doch schon etwas mehr geholfen.

 

Dankbarkeit in den Köpfen erwecken – nämlich dafür, dass wir in der Lage sind, mit unserer Familie das Weihnachtsessen zu genießen. Dankbar sein dafür, dass wir mit Sekt auf die Festtage anstoßen können und unser Geschmackssinn uns verrät, was uns gut schmeckt und was nicht. Wann habt ihr das letzte Mal euer Essen auf der Zunge zergehen lassen und versucht, es ganz genau zu erfühlen und mit all seinen Facetten wahrzunehmen?

 

Auch für Nichtfachleute bietet sich folgendes Buch mit Einblick in das Thema Schluckstörung gut an, das gleichermaßen über 120 Rezepte beinhaltet:

 

2 Review

  1. Es stimmt, in den verschiedensten Situationen kann sich so viel ändern. Nur Liebe und Verständnis können ausgleichend wirken. Uns ging es z.B. so: Gans gebraten, der Duft ist herrlich und macht Appetit. – Das Essen steht auf dem Tisch, alles prima gelungen ,es schmeckt super. 1/3 der kleinen Portion ist gegessen – s a t t. Anfangs fällt es schwer, diese Situation zu akzeptieren, aber Problem wird gelöst: Kloß wird gebraten, Rotkraut zu Salat umfunktioniert und Gänsebraten als Sülze oder pikanten Brotaufstrich später gegessen. Wir haben auch einige Zeit gebraucht, mit solchen Situationen fertig zu werden. Die Lösung gefällt uns und wir können unseren Gänsebraten viel länger essen als früher.

    1. Und so ist es wichtig, miteinander neue Situationen zu meistern und trotzdem das Leben und die Momente, die das Leben bereithält zu genießen!

      Alles Gute für dich und für euch und einen guten Start in das neue Jahr!

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