Gastbeitrag /// Tanja Salkowski: Wie sollte ein Therapeut sein?

Ein Bergsee in der Schweiz strahlt Ruhe aus.

Heute erwartet euch auf meinem Blog ein ganz besonderer Gastbeitrag. Sicherlich haben einige von euch meine Montagsreihe, das Therapeuten-ABC, verfolgt und somit meine Gedanken über wichtige Werte eines Therapeuten gelesen und sich selbst auch damit beschäftigt. Tanja Salkowski, Bloggerin und Texterin, schreibt auf ihrem Blog sonnengrau über ihre Diagnose Depression, die sie im Jahr 2008 erhielt. Dabei verfasste sie aus ihren Erfahrungen heraus Zeilen darüber, wie für sie ein Therapeut sein sollte und berührt nicht nur mich damit. Heute könnt ihr ihren Beitrag auf meinem Blog lesen. Vielen Dank Tanja, dass ich deinen Text in Bezug auf mein Therapeuten-ABC verwenden darf.

 

Wie sollte ein Therapeut sein?

von Tanja Salkowski

 

Tief im Inneren habe ich Werte und Spielregeln entwickelt, die mir in einer Therapie wichtig sind und elementar für meine Genesung. Und hier ist meine Wunschliste:

Hey, lieber Therapeut, nimm mich ernst. Auch wenn es gerade für dich amüsant sein sollte, weil ich vollkommen wirres Zeug erzähle. Aber ich brauche deine Ernsthaftigkeit, um mich bei dir geborgen zu fühlen.

Und hey, lieber Therapeut, lass mich ausreden. Und wenn ich nicht reden kann, hilf mir auf die Sprünge. Starre mich bitte nicht minutenlang an und warte auf ein Wort von mir. Denn in diesem Moment, weiß ich einfach nicht, was ich sagen soll. Und jedes Gestarre macht mich nur noch unsicherer. Also, hilf mir einen Ansatz zu finden, damit ich voran komme. Hilf mir, all die Angst zu nehmen, denn ich bin voll davon.

Und hey, Therapeut, berichte mir nicht über deine privaten Probleme. Bitte nicht im vollem Ausmaß. Ich will nichts über deine Ehepartner, Familiengeschichten und deine Freizeitbeschäftigungen erfahren. Vielleicht ein bisschen, damit ich feststelle, dass auch du ein Mensch bist, der nicht immer sein Leben im Griff hat. Könnte mir helfen und kann vielleicht mal ganz nett sein. Aber wenn du umfangreich erzählst und nur über dich, dann stell mir wenigstens ne gute Tasse Kaffe mit selbstgebackenen Keksen vor die Nase. Ach nein, lass es. Ich brauche diese Grenze, weil ich zu sehr mit mir selbst beschäftigt bin. Und weil ich doch bei dir sitze, um mein Leben umzukrempeln und nicht deines.

Und hey, überschütte mich nicht mit Theorie. Ich brauche keine Zahlen und Fakten und studierte Lehrinhalte. Ich brauche das Erlebte. Bitte hole mich zurück auf den Boden der Tatsachen. Denn das ist doch das, was ich wieder erlernen muss. Real zu sein.

Und hey, lieber Therapeut, ich weiß. Ich habe nur eine Stunde mit dir und danach muss ich gehen, weil schon der nächste auf dich wartet. Ich habe aber noch vieles nicht gesagt oder bin aufgewühlt nach unserem Gespräch und bräuchte vielleicht noch 2-3 Minuten mehr Zeit von dir, damit ich mit diesen Gefühlen fertig werde. Damit ich wieder hinausgelassen werden kann, in diese irre Welt. Damit ich gleich, wenn ich da raus gehe, zurecht komme. Also, bitte starre nicht immer auf die Uhr und schenke mir bei Bedarf noch ein paar Minuten mehr.

Ach ja, lieber Therapeut, stelle dich nicht auf eine höhere Stufe, stelle dich auf eine Linie mit mir. Du bist nicht klüger und ich bin nicht dümmer. Du bist nur derjenige, der von uns beiden zur Zeit mehr Kraft hat und der Alternativen kennt, die ich noch nicht mal im Ansatz erahnen kann. Du bist derjenige, der das Wissen besitzt, damit ich wieder Leichtigkeit empfinden kann. Aber du bist nicht mein Vorgesetzter, nicht mein Guru, nicht der Ober-Klugscheißer und nicht der Carpe Diem-Prediger. Du bist weder Freund noch Kollege, weder Liebhaber noch Seelenverwandter. Du bist einfach nur meine Begleitperson für ein Stück meines Lebens.

Für dich, lieber Therapeut, ist es ein Job. Für mich ist es Schwerstarbeit und vielleicht der letzte Grashalm, um mich wieder hochzuziehen. Und um es nochmal deutlicher auszusprechen: Ich stecke in dem dicksten Mist meines Lebens und brauche einen Helden. Nein, keinen Ritter auf dem weißen Pferd, aber zumindest einen Superman..vielleicht auch einen Gandalf oder einen Captain Jack Sparrow. Oder vielleicht auch einen Robin Hood, einen James Bond oder einen Papa Schlumpf. Ich weiß es nicht. Ach nein, ich erwarte von dir keine Wunder und keine Zauberformeln.

Ich erwarte nicht, dass du alles für mich übernimmst, für mich denkst und entscheidest, denn schließlich liegt es auch an mir, wie gut oder schlecht meine Therapie verläuft. Ich muss viel arbeiten und viel schwitzen, das weiß ich.

Was ich will? Eigentlich nicht viel.

Behandle mich bitte einfach nur wie einen Menschen. Nicht wie eine Blöde, eine Hoffnungslose, nicht wie eine Versagerin oder eine Unperfekte, auch nicht wie eine Spinnerin oder Besessene oder wie ein Ding. Behandle mich einfach nur wie einen Menschen. Verstehe doch: Ich denke an Kapitulation, an Selbsthass, an Weltuntergang und an Grau statt Bunt. Ich habe pure, nackte Angst vor dem Leben, vor der Vergangenheit, vor der Zukunft und vor allem vor der Gegenwart. Ich schäme mich für alles was ich bin. Ich kann mich nicht mehr sehen, mich nicht mehr fühlen, nicht mehr riechen, ich kann mich nicht mehr betrachten. Alles ist leer. Verstehe doch, ich brauche Menschlichkeit und keine 0815-Behandlung.

Ich bin kein Roboter und auch keine Nummer. Ich brauche dich…als komplementäre Person….als Gegenmensch. Damit ich mich wieder selbst als Mensch erfühlen kann. Damit ich wieder lerne zu existieren. Damit ich entdecke, dass ich eigentlich gar nicht so verkehrt bin. Damit ich wieder das Leben als das schönste betrachten kann, was es gibt.

Investiere also nicht in die Produktivität.

Investiere lieber in die Menschlichkeit.

Mehr von Tanja Salkowski könnt ihr auf ihrem Blog sonnengrau lesen. Reinschauen lohnt sich!

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