Warum Menschen mit Musik so viel gemeinsam haben

Eine junge Frau steht nachdenklich auf einem Feld.

Achtsam sein – Achtsam werden – Achtsamkeit spüren – Achtsamkeit leben. Das habe ich mir in meinem Workshop „Achtsam mit Musik – Begegne dir selbst“ vorgenommen, den Teilnehmern näher zu bringen und ihnen in diesem Sinne neue Erfahrungsmöglichkeiten zu bescheren. Als Musiktherapeutin liegt es dabei wohl nahe, dieses vielseitige Medium Musik sorgsam dabei einzusetzen und es zur Hilfe zu nehmen, um Wahrnehmungsprozesse anzuregen. Denn nichts anderes als das ist es – Achtsam werden wir durch Wahrnehmungserweiterung in verschiedenen Dingen, auf unterschiedlichen Bewusstseinsebenen und in variablen Situationen, die uns das Leben tagtäglich schenkt.

 

Aber was ist nun mit Musik? Was ist an ihr im Achtsamkeitstraining so besonders?

 

Für mich ist es unglaublich spannend, welche Wirkungen Musik haben kann. Jeder Mensch, aber wirklich jeder erlebt in vielen Momenten seines Daseins Töne, Klänge und Geräusche, die zu Musik werden oder als solche empfunden werden. Selbst, wenn wir mal keine Musik um uns herum haben wollen, weil wir Stille brauchen, ist sie da. Sie begegnet uns im Fahrstuhl, beim Einkaufen, auf der Autobahnraststätte, in manchen Wartezimmern, im Auto, auf dem Weihnachtsmarkt, im Bus, im Zug, im Café um die Ecke, auf der Geburtstagsfeier des benachbarten Freundes, in der Schule, auf dem Flur, auf der Straße und zu Haus. Wir können sie nicht immer abschalten, wenn wir sie nicht ertragen wollen. Genauso ist es übrigens mit Menschen. Wir begegnen unterschiedlichen Menschen zu unterschiedlichen Zeiten mit unterschiedlichen Charakteren und unterschiedlichem Gesprächssttoff, der uns mal mehr, mal weniger interessiert. Klar können wir ihnen deutlich sagen, dass wir im Moment kein Interesse an einem Gespräch haben, manchmal aber sitzen auch diese Menschen im Wartezimmer, im Flug, im Café um die Ecke oder in der Schule, dessen Erzählungen wir schon meterweit hören und nicht abstellen können. Dann jedoch sind wir manchmal die Entscheidungstreffer, die sich einen anderen Platz suchen können. Musik ist ein Gegenüber – sie schafft uns Begegnung. Begegnung mit Instrumenten, Melodien, Rhythmen, Klängen und Tönen. Sie klingt fröhlich und traurig, bitter und süß, kurzweilig und langatmig, schaurig und heiter. Wir können ihr neugierig begegnen und offen für das sein, was sie uns gibt – auch wenn sie uns manchmal nicht das gibt, was wir von ihr erwarten. Denn Musik ist mehr als Entspannung! Musik zeigt uns, dass wir sie beschreiben können ohne dass wir sie bewerten – was ich damit meine ist, dass Musik viel mehr ist als „schön“ oder „furchtbar laut“. Sie hat so viele Facetten, die wir zu oft vergessen zu erkennen. Und wie ist es mit dem Menschen, der uns gegenüber steht? Sehen wir jemanden und denken als erstes „Puh, der sieht ganz schön komisch aus!“? Oder nehmen wir uns die Zeit, um objektiv zu schauen, was uns mit diesem Menschen begegnet – wir könnten auch sagen, dass er statt „komisch auszusehen“ lange, zerzauste Haare hat und eine Hose, die an der Seite Löcher hat. Wir könnten sagen, dass er laute Musik hört, wenn er durch die Stadt geht und einen Beutel in der rechten Hand trägt, aus der klirrende Geräusche hervordringen. Das tun wir aber nicht. Wir werfen einen kurzen Blick auf den Menschen, dem wir da begegnen und gleichen die Erscheinung dann, wenn auch oftmals unbewusst, mit dem ab, was unser Gehirn bereits kennt. Wie mit Musik – erwähne ich „klassische Musik“ gibt es die Fraktion, die sagt „Au, das ist ja interessant.“ und die andere, die meint „Nee, also so was kann ich mir überhaupt nicht reinziehen“, um es jetzt einmal überspitzt darzustellen.

 

Doch welche Möglichkeiten hat denn das objektive Betrachten gewisser Gegenstände, Situationen, Momente und Menschen?

 

Musik als Bedeutungsträger vieler Erinnerungen und Emotionen. Menschen als Bedeutungsträger viele Erinnerungen und Emotionen. Doch kommen wir aus diesem ständigen Gedankenkarrussel nicht heraus und betrachten wir die Dinge immer auf dieselbe Art und Weise wie vor einigen Jahren, Tagen, Monaten, Stunden und Minuten, dann bleibt uns auch der Blickwinkel auf andere, neue, lohnenswerte Dinge verschlossen. Meiner Meinung nach werden wir dadurch in unserer stetigen Entwicklung gebremst und fallen kontinuierlich wieder in gleiche Denkmuster zurück, von denen wir uns schon längst trennen wollten. Wenn wir Menschen, Musik und andere Begegnungen objektiv betrachten, sie annehmen, wie sie sind und über den Tellerrand hinausschauen, erleben auch wir einen Reifeprozess, den uns keiner nehmen kann. Auf den wir ganz allein stolz sein können und gleichermaßen Menschen neu kennenlernen können oder überhaupt andere Menschen, Meinungen und Sichtweisen erfahren können, die uns unbekannt schienen.

 

Es ist nicht einfach den Autopiloten auszuschalten. Aber ich kann euch sagen, dass ihr die Musik heute anders spürt als gestern und morgen anders wahrnehmt als übermorgen. Und warum trauen wir uns nicht zu, dasselbe auch mal zuzulassen, wenn es um menschliche Begegnungen geht? Wahrscheinlich ändern sich die Wahrnehmungen nicht von heute auf morgen – aber vielleicht von Jahr zu Jahr. Vielleicht hat jeder Mensch ein zweites erstes Treffen verdient – dann mit anderem Blickwinkel.

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