Mit zwei Pferdestärken durch die Welt – (m)ein entschleunigter Tag

Mit zwei Pferdestärken durch die Welt - ein Tag voller Entschleunigung!

Warum mein Beitrag heute am späten Abend erst auf meinem Blog erscheint? Weil ich heute achtsam einen entschleunigten Tag erleben konnte und mir darüber gleichermaßen Gedanken machte. Meinen heutigen Urlaubstag verbrachte ich in einem kleinen Urlaubsort, in dem es mehr als doppelt so viele Betten in Hotels, Ferienwohnungen und Appartements gibt als Einwohner. Ein Fleischer, ein Bäcker, ein Lebensmittelgeschäft – neben einigen Restaurants, Cafés und Bars. Als ich eine Pferdekutsche sah, die bei diesem stürmischen Herbstwetter die wenigen Touristen auf den schönsten Wald- und Wiesenwegen durch den Thüringer Wald führte, legte ich einen Stopp ein und fragte nach einem Ticket.

 

So stieg ich ein und erfuhr mein Highlight des Tages!

 

„Was? Highlight des Tages? Eine Ausfahrt mit einer Pferdekutsche?“ – Jap! Die anderen Gäste und ich wurden vom Kutscher begrüßt, der uns mit tiefer Stimme einiges zum Ort erklärte, auf seinem Kopf eine Mütze trug und die jüngste Mitfahrerin direkt neben sich platzierte, damit sie den besten Ausblick hatte. Auf den Bänken in der Kutsche lagen Decken liebevoll zusammengelegt, die uns auf der langen, kalten Reise begleiten sollten. Zwei Pferde zogen das alte Holzgefährt, durch das der Herbstwind seine raue Luft blies. So ging es los – Schritt für Schritt. Ganz langsam rollten die Räder der Kutsche auf der Straße, bevor wir dann durch den Wald chauffiert wurden und ich merkte, wie ruhig ich wurde. Ich kenne dieses Schritttempo nicht – und wenn ich es kenne, dann regte es mich auf, weil ich es von Autofahrern kenne, die an Tagen, an denen ich es viel zu eilig hatte, da ich nicht rechtzeitig „aus den Puschen“ kam, vor mir schlichen. Auf der Autobahn bin ich auch eher der Linksfahrer, weil ich schnell ans Ziel kommen will. Doch heute merkte ich, wie gut es tat, mal einen Gang herunterzuschalten – herunter geschalten zu werden. Als die Kutsche auf steinigen Wegen entlang fuhr und mein Körper sich unwillkürlich hin und her bewegte, ich die frische Waldluft so tief einatmetet, weil ich gar nicht genug von ihr bekommen konnte, fühlte sich mein Körper und mein Geist so frei an. Und trotz dieser Freiheit, die mir geschenkt wurde oder gerade aufgrund jener, erspähte ich des Wegesrandes unzählig viele Pilze, die die schönsten Formen hatten und mir plötzlich vorkamen, als seien sie kleine Wunder der Natur. Erinnert ihr euch an das Mädchen, das links des Kutschers saß? Ich hörte sie fragen, ob es auch für die Rehe, Füchse und Wildschweine giftig sei, einen Fliegenpilz aus dem Wald zu fressen. Ihre Mutter antwortete

 

„Du, das weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass Tiere Instinkte haben, die ihnen zeigen, was ihnen gut tut und was nicht.“

 

Das war neben der Entschleunigung meines Tages und irgendwie auch der Welt, in der alles so hektisch zugeht, die Menschen noch schnell zur S-Bahn rennen, um rechtzeitig beim nächsten Termin zu sein, die lieber noch bei dunkelgelb über die gefährliche Kreuzung fahren, damit sie pünktlich das nächste Ziel erreichen, um dann wiederum vermeintlich mehr Zeit für andere Dinge zu haben, die unheimlich wichtig sind, das passende Wortgeflecht, das mir heute zu Ohren kam und worüber wir uns viel häufiger Gedanken machen müssten. Wann haben wir eigentlich aufgehört, auf unsere Intuition zu hören, um in die Kiste zu passen, in der uns so manch ein Mitmensch gerne sehen möchte.

 

Während einer kurzen Pause mitten im Wald hörte ich nichts – außer den Wald mit all seinen Geräuschen, die der Wind mit seiner Kraft den Blättern bescherte. Die Tiere, die uns mit einem Rascheln begrüßt hatten und der Kutscher, der trotz seiner rauen Art so ein herzliches Lächeln auf seinen trockenen Lippen trug. Als wir nach eineinhalb Stunden Fahrt durch Wald und Wiesen wieder ankamen und ausstiegen bedankte ich mich bei dem älteren Herren und seinen Pferden. Eigentlich bedankte ich mich doch aber noch für so viel mehr, ohne es ihm zu sagen – für die Achtsamkeit, mit der ich durch das entschleunigte Tempo durch unsere Welt fuhr.

 

Wie oft kommt es schon vor, dass wir mit mehr Zeit und weniger Eile die Welt mit einer achtsamen Brille trachten?

 

Nachdem ich zu Hause ankam und den Weg bis dahin mit weniger schnellen Schritten zurücklegte, weil ich mich darauf besinnte, dass ich Zeit habe, las ich ein Buch und liebte das Leben in seiner Ruhe.

 

 

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