“Wie geht´s?” – mehr eine Alltagsfloskel als ernst gemeinte Frage?

Auf meiner Reise nach Frankreich und in die Schweiz traf ich viele neue Menschen und kam mit ihnen ins Gespräch. So unterschiedlich wie diese Länder waren und die Städte, in denen ich umher fuhr und lief, so waren auch die Leute. Doch in einer Sache unterschieden sie sich nicht – einem „Bonjour“ folgte stets ein „Ca va?“, was so viel heißt wie „Na, wie geht’s?“. Dem „Grüezi wohl“ unter Freunden war das „Wie geht’s?“ nicht mehr weit. Auch in meinem kleinen Büchlein, das mir die französische Sprache für meine Reise etwas erleichtern sollte und mich ermutigen sollte, statt zuzuhören auch zu sprechen, lud mich ein mit den Worten „In Frankreich ist es üblich, nach der Begrüßung „Ca va?“ Zu sagen und auf eine Antwort auch wieder zu reagieren. Anfangs überforderte mich das ziemlich, weil ich von fremden Leuten gefragt wurde, wie es mir geht und ich sie aus Höflichkeit auch danach fragen sollte. Jedoch immer sehr nett, freundlich und charmant waren all die Begegnungen in der Zeit, doch immer etwas seltsam für mich als Deutsche, die schon manchmal gar kein freundliches „Hallo“ von fremden Menschen erwartet, die einem so manchmal über den Weg laufen. Bei uns ist das nicht mehr üblich, dass man sich begrüßt, wenn man sich wohl gar nicht richtig kennt. Auch in Hotelaufenthalten in Deutschland fällt mir mehr und mehr auf, dass ein „Guten Morgen“, wenn man den Frühstücksraum betritt nicht mehr selbstverständlich ist – für mich war es das immer, denn ich kenne es aus den Reisen mit meinen Eltern nicht anders. So freute es mich umso mehr, dass wenn ich die Straßen in Frankreich entlang ging, immer ein „Bonjour“ hörte und es erwidern konnte. Dann jedoch ohne die Fragestellung wie es mir geht. Diese wird meist genutzt, wenn man neue Leute kennenlernt, Menschen direkt gegenüber steht und ihnen zur Begrüßung die Hand gibt. Doch was ist eigentlich, wenn ich auf „Wie geht’s?“ Nicht so antworte, wie es die Leute wohl erwarten. Was ist, wenn es mir wirklich nicht gut geht und ich genau diese Ehrlichkeit in dem Moment der Fragestellung verdeutliche? Und warum sollte ich eigentlich mir fremden Menschen anvertrauen, wie es mir geht? Also erwischte ich mich selber, wie ich immer sagte „Danke, gut. Und selbst?“. Nachdem ich auch immer ein „Danke. Es geht mir gut.“ Zu Ohren bekam, machte ich mir Gedanken über diese Fragestellung. Abgesehen davon, dass es zwischen „gut“ und „schlecht“ so viele tausende Gefühlsfacetten und Wörter dafür gibt, wie mein Gemütszustand ist, fragte ich mich tatsächlich, was der Sinn dieser mir so floskelähnlich vorkommenden Fragestellung war. Ob mir mein Gegenüber zuhört, wenn ich sage „Danke der Nachfrage. Es geht mir sehr schlecht, weil ….“? Meist gefragt in der Eile der Zeit, in flüchtigen Begegnungen oder am Telefon scheint es eher unrealistisch, diese Worte als ernstgemeinte Fragestellung zu nehmen. Wäre der Zuhörer nicht doch etwas überfordert, wenn ich ihm diese Antwort gebe? Doch was bringt mich dazu, immer und immer wieder unehrlich darauf zu antworten – auch mir damit gegenüber unehrlich zu sein? Wahrscheinlich gehört es zum guten Ton und zum Anstand den Erwartungen eines „Wie geht’s?“ Gerecht zu werden. Klar werde ich sagen, dass ich eine Erkältung habe, wenn es so ist. Sicherlich auch, wenn ich meinen Job verloren habe und darüber ärgerlich bin. Aber wenn ich einfach traurig bin? Oder wenn ich etwas nicht in dem Maße geschafft habe, wie ich es mir wünschte und deshalb nachdenklich bin? Nehmen wir den entgegen gesetzten Fall: mir geht es super gut, ich könnte Freudensprünge machen, ich bin sowas von gut drauf und kann es gar nicht in Worte fassen – wie kann ein Außenstehender sich mit mir freuen, wenn er mich doch kaum kennt und meine Freude über eine kleinste Kleinigkeit nicht nachvollziehen kann? Genug der Beispiele – worum es mir eigentlich geht. Fühlt es sich gut an, eine Gemütszustandsfrage einfach so in den Raum zu werfen ohne sich vorher Gedanken darüber zu machen, was diese Frage eigentlich alles mit uns machen kann? Fühlt es sich gut an, einfach darüber hinwegzugehen, wenn mir wirklich jemand sagt, ihm ginge es sehr schlecht, ich aber eigentlich gerade weder Zeit, noch Geduld für die Sorgen des Anderen habe? Eine solche Fragestellung sollte meiner Meinung nach zwar selbstverständlich zum Leben und auch zum Alltag dazugehören – aber immer als gut durchdachte und vor allem ernst gemeinte Frage. Denn wenn ich wirklich interessiert bin daran, wie es meinem Gegenüber geht, dann frage ich nicht nur, wie es ihm geht, sondern interessiere mich für alles, was dazugehört. Ich möchte mehr wissen als „gut“ oder „schlecht“ – ich möchte neugierig sein und aufmerksam für seine Situation. Und genau dann da sein, wenn ich ihn brauche und er sich mir anvertraut.

„Wie geht’s?“ – mit seinen Buchstaben, Silben und Wörtern viel zu schade, um eine Alltagsfloskel zu sein, aber in seiner Bedeutung viel mehr wert, als nur mit „gut“ oder „schlecht“ beantwortet zu werden.

2 Review

  1. So sind wir, wir Deutschen. Immer tiefgründig und kritisch anderen gegenüber. Ich finde es großartig, wie du dir Zeit nimmst, deine Gedanken aufzuschreiben. Wer nimmt sich heute noch dafür Zeit? Lieber werden Lebensweisheiten und Zitate von weisen Leuten gepostet, die einem allein durchs Lesen ein besseres Gefühl geben sollen. Absolut unreflektiert. Aber zurück zu deiner Frage: Kann man dieses “Wie gehts?” nicht als einfache Begegnung im Alltag sehen? Einer Möglichkeit, der Anonymität dieser Tage wenigstens gefühlt zu entgehen? Und gibt es nicht immer, unabhängig vom Moment, das gute Gefühl, dass einem Gutes widerfahren ist? Man ist grundsätzlich gesund, hat ein Dach über dem Kopf, sauberes Wasser zu trinken … Ich empfand es immer positiv und aufbauend, lächelnd angeschaut zu werden. In einer Schlange zu stehen und die Möglichkeit zu haben, ein Gespräch anzufangen oder zu führen. Natürlich entstehen daraus nicht gleich Freundschaften, aber darum geht es auch nicht. Es geht um ein respektvolles, aufmerksames Miteinander. Und die Sensibilität für den Kontext. Die ist uns Deutschen abhanden gekommen. Oder wir hatten sie nie. Ich weiß es nicht. So stehen wir nun in der Schlange, sind genervt von allem und starren vor uns hin, setzen uns prinzipiell nicht an Tische, an denen andere sitzen, und sind stolz auf unseren “privat space”. Wie angenehm wäre es dann doch ein “Wie geht’s?” zu hören … und für die tiefgreifenden Gespräche begeben wir uns in den sicheren Hafen von Familie und Freunden. Liebe Grüße, Sylvia

    1. Liebe Sylvia, ich freue mich über deinen Kommentar und die Worte, die du gefunden hast. Erst einmal vielen Dank fürs Lesen, Kommentieren, fürs kritische Betrachten und für das Lob zwischen den Zeilen. Als ich es las, stimmte etwas in mir deinen Worten zu – die Frage “Wie gehts?” Schafft auf jeden Fall einen Raum, der von weniger Distanz bereichert wird. Einen Raum, der die Anonymität versucht abzuschaffen. Da gebe ich dir völlig recht und bin ebenfalls der Meinung, dass es in anderen Ländern, aber sogar auch in bestimmten Städten Deutschlands wesentlich freundlicher und offen zugeht. Innerhalb meines Beitrags betrachtete ich es nicht von dieser Seite, die natürlich einen positiven Aspekt hat. Danke für deine Denkweise – hoffentlich für viele der Leser ein guter Anstoß. Bis bald!

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