Was mir meine falsche Angst vor behinderten Menschen lehrte

Durch einen steinigen Weg lernen wir uns manchmal selbst besser kennen.

Ich erinnere mich noch ganz genau – in der achten Klasse war es. Schon zum damaligen Zeitpunkt interessierte mich die logopädische Arbeit. Als die erste Woche rum war, ging ich nach Hause und war mir sicher, dass dieser Job absolut nichts – aber auch rein gar nichts für mich ist. Das entschied sich aus der Situation heraus, dass ich am Freitag der ersten Arbeitswoche den ganzen Tag in einer Schule für geistig behinderte Kinder verbrachte, die so alt waren wie ich – manche etwas älter, manche etwas jüngere, doch keiner so wie ich. Jeder wirkte auf seine Art so zerbrechlich. Selbst jetzt beim Schreiben dieser Zeilen merke ich wieder, wie spannend es ist, wie sehr man manche Augenblicke des Lebens doch so klar im Herzen und im Kopf hält, weil man sie intensiv und mit unterschiedlich facettenreichen Gefühlen erlebt hat. Ein anderes Praktikum, das ich ein Jahr später in einem Wirtschaftsunternehmen in Angriff nahm, ist mir fast nicht mehr in Erinnerung. Ich bin ehrlich – ich kam nach Hause und weinte, weil ich das Leid dieser doch so jungen Patienten nicht ertragen konnte, geschweige denn mit ihnen umzugehen wusste. Während der Überlegung, wie es nach dem Abitur für mich beruflich weitergehen könnte, dachte ich immer mal wieder an diese Situation und fühlte mich kraftlos, einen therapeutischen Beruf zu erlernen. Ich traute es mir schlichtweg nicht zu und empfand sogar ein bisschen Angst. Recht schnell wurde sie jedoch überschattet von den vermeintlich viel schöneren anderen Momenten, in denen ich vor lispelnden Kindern sitze, vor Eltern, denen ich Ratschläge zur sprachlichen Entwicklung geben kann, vor Schlaganfallpatienten, denen ich helfen kann, wieder zum Sprechen zu  kommen. Und das ist es auch, was mir die Ausbildung zur Logopädin hauptsächlich bereithielt – die Behandlung von Artikulationsstörungen und Sprachentwicklungsstörungen, unterschiedliche Konzepte innerhalb der Aphasietherapie, stimmtherapeutische Maßnahmen und ein bisschen was zur Dysphagie-Einteilung. Ja – ich weiß – ihr ärgert euch gerade darüber, dass ich die Dinge, die wir lernten, nur so oberflächlich beschreibe. Aber wer meinen Blog verfolgt, weiß, dass ich auch gerne einmal karikiere. Selbstverständlich gab es viel mehr, das ich zu schätzen weiß und was ich lernte. Selbstverständlich lernen wir all das, was wir jetzt können, wohl irgendwie erst doch mit der Berufserfahrung und in den Jahren nach der Ausbildung. Doch selbstverständlich lernt man sich selbst im Umgang mit Menschen, und das als Therapeut, wohl doch nicht ganz so gut kennen. Wir hören viel über Behinderungen, erledigen Gruppenarbeiten zum Thema Trisomie 21 und eignen uns gefährliches Halbwissen an. Doch warum, wenn doch der Wirkfaktor innerhalb einer Therapie und somit menschlicher Begegnung, 70% gerade diese menschliche Beziehungsgestaltung und der Therapeut in seinem Wirken ist, wird er manchmal nicht gut auf das vorbereitet, was ihn wirklich erwartet? Ich gebe euch Recht – auch das Leben ist nicht vorhersehbar, jeden Tag begegnen uns andere Dinge, die wir wahrscheinlich so nicht erwartet hätten, wie man so schön sagt. Das Leben ist nicht planbar, Therapieeinheiten sind nur in der Ausbildungszeit auf die Minute planbar, Familienplanung ist sich seines Wortstammes in seiner Zusammensetzung doch auch nicht mehr treu. Wie es der Zufall wollte, bekam ich eine Stelle, in der es hieß, dass ich die Patienten der geistig behinderten Schule übernehmen soll. Es ratterte und arbeitete in mir und ich wusste nicht, ob ich sagen soll, dass ich mich dazu nicht bereit fühlte oder ob ich zugeben wollte, dass ich keinen Plan habe, was auf mich zukommt und welche Störungsbilder mich erwarten. Nach einigen Tagen Bedenkzeit ließ ich mich ganz klar auf den neuen Weg ein. Auf den neuen Weg, der mir mehr Freude als Angst, mehr Lachen als Trauer, mehr Leben als Leid, mehr Stärken als Schwächen, mehr Menschlichkeit als Hinterhalt bot und bietet. In der Begegnung mit den Kindern, durch das Einlassen auf das, was mich erwartet, durch Neugier und Spannung und Annehmen der Situation lernte ich, dass es wohl in meiner Arbeit als Logopädin eine der vielen anderen wertvollen Momente sind, die ich in der Therapie mit diesen besonderen Menschen habe. Nicht nur, weil ich ihnen mit der Therapie etwas geben kann, auch, dass sie mir mehr geben, als ich jemals dachte: Geduld und die Freude über die kleinen Schritte, auch wenn der Weg steinig ist – mehr Leben im Nebel – mehr Wachsamkeit und weniger Starrsinn. Wenn ich heute darüber nachdenke, dass ich vielleicht aus Angst niemals hätte mit Behinderten zusammengearbeitet, dann wäre ich wohl nicht der Mensch, der ich bin. Dann würde ich wohl immer noch sehr einseitig die Dinge betrachten und lieber vor etwas wegrennen, das mir Angst und mich unsicher macht. Das Leben zeigte und zeigt mir damit: es ist verdammt viel wert, sich auf Dinge einzulassen, vor denen wir uns manchmal fürchten, wohl möglich einfach, um uns selbst zu schützen und unsere Komfortzone nicht zu verlassen. Dabei ist genau das, was es heißt, nicht auf der Stelle zu stehen.

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