EinBlick – Mutismus im Schnittfeld zwischen Logopädie und Musiktherapie

Musiktherapeutische Angebote bereichern die logopädische Behandlung.

Während ich derzeit an meiner Abschlussarbeit für den Abschluss zur Musiktherapeutin sitze und sich das Thema rund um Mutismus dreht, schrieb ich ein Kapitel darüber, ob Mutismus als psychosoziales oder sprachheilpädagogisches „Phänomen“ betrachtet werden sollte. Ich wollte euch gerne an meinen Gedanken teilhaben lassen und freue mich über Erfahrungen anderer Kollegen und Betroffenen!

Ich selber begleite seit über einem Jahr ein mutistisches Mädchen musiktherapeutisch und logopädisch und habe aus diesen Erfahrungen sowie aus intensiver Literaturrecherche heraus dieses Kapitel verfasst.

 

 

Eine Sicht auf Mutismus als sprachheilpädagogisches sowie psychosoziales Phänomen – Schnittflächen und Kritik in Logopädie und Musiktherapie

 

 

Die Frage, die sich im Titel dieser Abschlussarbeit finden lässt („Mutismus als sprachheilpädagogisches oder psychosoziales Phänomen?“), ernährt sich der Sicht einiger Diskussionspunkte, um dieser eine Antwort zufügen zu können. Eine klare Antwort lässt sich nicht finden, jedoch zahlreiche Punkte, unter denen zu betrachten ist, ob die Entwicklungsstörung Mutismus als sprachheilpädagogisches und psychosoziales Phänomen betrachtet werden kann. Durch meine Arbeit als Logopädin merke ich, dass Kinder- und Jugendärzte Patienten mit dieser Störung in die logopädische Praxis verweisen mit der Indikation einer Sprachentwicklungs- und Kommunikationsstörung (und hierbei ist nicht minder wichtig zu erwähnen, dass Kommunikation immer etwas mit zwischenmenschlicher Beziehung zu tun hat), welche dann mit unterschiedlichen Konzepten der Mutismustherapie behandelt werden sollen. Es stellt sich die Frage, inwieweit dabei die Betrachtung des Betroffenen als bio-psycho-soziales Wesen seinen Platz findet, um genau an diesen Dingen ansetzen zu können, welche es den betroffenen Patienten nicht möglich machen, mit anderen Menschen, die ihm weniger vertraut sind zu kommunizieren. Wenn doch Mutismus laut ICD-10 als „Störungen sozialer Funktionen mit Beginn in der Kindheit und Jugend“ (F 94) definiert wird und gekennzeichnet ist durch „eine deutliche emotional bedingte Selektivität des Sprechens […], so dass das Kind in einigen Situationen spricht, in anderen definierbaren Situationen jedoch nicht [und] diese Störung  üblicherweise mit besonderen Persönlichkeitsmerkmalen wie Sozialangst, Rückzug, Empfindsamkeit oder Widerstand verbunden [ist].“ 1 lässt sich eindeutig die vorherrschende Symptomatik auf die sozial-interaktionellen Handlungs- und Erlebnisebene beziehen. Was würden Ärzte Eltern raten, deren Kinder ähnliche Symptome aufzeigen, obwohl sie sprechen? Gehen wir einmal davon aus, dass es Jungen und Mädchen gibt, deren Resilenz deutlich geringer gegenüber Belastungen jeglicher sozialer Art ist und sie somit Störungen im Erleben und Verhalten entwickeln, die sie in ihrer Persönlichkeitsstruktur mehr labilisieren als stabilisieren, so würden jene Ärzte wohl dazu raten, einen Therapeuten aufzusuchen, der sich um die Seele der kleinen Patienten kümmert. Sucht ein mutistisches Kind mit denselben Kennzeichen eine Arztpraxis auf, wird in vielen Fällen die Kommunikationsstörung in den Vordergrund gestellt, bevor die Ursache in der psychosozialen Entwicklung des Menschen betrachtet wird. Aus meinen Erfahrungen heraus ist es sehr wertvoll, einen kompetenten Therapeuten begleitend, stützend und schützend an der Seite eines mutistischen Kindes zu haben, um echte Beziehungserlebnisse zu spüren und Vertrauen neu zu erleben oder wieder aufzubauen. Eine logopädische Behandlung im Bereich der Sprachentwicklungsstörungen hat als Gegenstand, Sprachentwicklungsprozessen positiv begleitend zur Seite zu stehen oder Störungen des Sprechens abzubauen. Selbstverständlich findet eine Therapie auch immer auf pragmatisch-kommunikativer Ebene statt, um gelernte Dinge in den Alltag zu übertragen und mit den Dingen, die trainiert wurden, umzugehen. Das ist der Punkt, der in der Mutismustherapie meiner Meinung nach einen wertvollen Platz einnimmt – denn aus logopädischer Sicht geht es genau um diesen Fakt: die Kommunikationsbereitschaft und die Fähigkeit, in Gespräche zu treten, Kommunikation lebendig zu gestalten und Bedürfnisse verbal auszudrücken. Auf psychosozialer Ebene und musiktherapeutischer Betrachtungsweise (ich gehe von meiner Arbeit als Musiktherapeutin nach dem musiktherapeutischen Konzept nach Ch. Schwabe aus) geht es vielmehr um die Chancen auf der sozial-interaktionellen Ebene, die verbunden sind mit neuen Erfahrungs- und Erlebnisinhalten und der Reduzierung von Folgestörungen, die sich aufgrund des Nichtsprechens einstellen. Daraus lässt sich das Fazit ziehen, dass es hierbei nicht um eine funktionelle Übungsbehandlung geht, sondern um Therapie als menschliche Begegnung und des Ermöglichens neuer Räume, in denen sich der Patient auch selbst ein Stück weit näher kommen kann und sich selbst mit den Dingen, die zu ihm gehören annimmt und spürt. Aber auch Schutz und Begleitung durch den Therapeuten zu spüren bekommt. Dieser Prozess dauert jene Zeit, die er benötigt. Jeder Mensch ist anders, Therapeuten handeln variabel, Eltern arbeiten unterschiedlich begleitend mit, institutionelle Bedingungen sind different und die Beziehungsgestaltung zwischen Therapeut und Patient ist als essentielle Grundlage zu betrachten.

 

Nehmen wir in der Fragestellung, welche Schnittpunkte Logopädie und Musiktherapie besitzen, unser intimstes Ausdrucksmerkmal Stimme „unter die Lupe“, behaupte ich, dass auch unsere Stimme, unser Sprechen und die Entwicklung unserer Sprache immer etwas mit Musik zu tun haben. Menschen treten in Kontakt über ihre Stimme und Sprache – genauso wie es die Musik kann, in dem sie ebenso Menschen verbindet, aber auch voneinander trennen kann. Unsere Stimme zeigt sich mal stark, wenn wir uns mutig und geschützt fühlen, sie zeigt sich schwach und brüchig, wenn wir erkältet sind und körperlich geschwächt, wenn wir traurig sind und hoffnungslos – Beziehungsgestaltung und Kommunikation wird erschwert, wenn Momente geprägt sind von Unsicherheit und Angst. Oftmals zeigen sich psychosomatische Beschwerden als Stimmstörungen. Nicht umsonst sagen wir manchmal, dass etwas nicht stimmt oder dass wir nicht in der richtigen Stimmung sind. In all diesen Worten, die jetzt gerade als Wortspiele fungieren, steckt doch so viel drin, was mit ihr, der Stimme, zu tun hat. Und Sina, das Mädchen, das ich therapeutisch begleiten konnte, versteckt ihre Stimme– um nichts von sich zu zeigen? Um keine ihrer Stimmungen kundzutun und dabei der Gesellschaft zu zeigen, wie es ihr geht? Das wissen wir nicht. Und das sollen wir auch nicht wissen, sonst würden Mutisten es uns sagen statt zu schweigen.

 

Musiktherapeutische Angebote stellen für mich und meine Arbeit eine Bereicherung für die Logopädie dar. In beiden Therapiedisziplinen gilt es, den Menschen als ganzheitliches Wesen zu betrachten, das sich in unterschiedlichen sozialen Strukturen aufhält und verhält, facettenreiche sprachliche sowie entwicklungspsychologische Merkmale einbringt und diese Punkte die Persönlichkeit ausmachen. Meiner Erfahrung nach sind musikalische Mittel in der Behandlung von Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen nicht wegzudenken, da es ein Medium ist, das einerseits viele Kinder zur Aufmerksamkeit bringt, andererseits Erwachsene einen anderen Blickwinkel auf Musik entwickeln lässt. Ein großer Schatz der Musiktherapie sind nonverbale Ausdrucks- und Kommunikationsmöglichkeiten für Beziehungsaufbau und –gestaltung (einer tragfähigen Arbeitsbeziehung), sodass das Tun und Erleben nicht vorrangig an Sprache gebunden sind. Die Arbeit als Logopädin und Musiktherapeutin zeichnet sich aus durch das Wissen der anatomisch-organischen Strukturen, die zur menschlichen Kommunikation beitragen, anderseits über physiologische und pathologische Sprachentwicklungsprozesse und durch die musiktherapeutische Ausbildung nun auch über entwicklungspsychologische Faktoren in der Betrachtungsweise des Menschen als bio-psycho-soziales Wesen. Somit lässt sich erkennen, dass genau diese ganzheitliche Betrachtung in der Kombination beider Therapieformen einen lohnenswerten Platz findet.

Sprache besitzt Rhythmus. Musik besitzt Rhythmus. Und Leben ist Rhythmus. Mal sind wir im Takt, mal weniger, manchmal geraten wir ganz außer Takt bis uns dann mal ein Anstoß gegeben wird, den wir nutzen können, um wieder in einem Rhythmus schwingen zu können. Und das ist es, was menschliche Begegnung (=Therapie) versucht möglich zu machen und somit neue Räume öffnen kann – im Idealfall als rhythmisches Miteinander von Logopädie und Musiktherapie.

 

 

 

 

 

1 [therapie.de von Pro Psychotherapie e.V.: „F94.0 Störungen sozialer Funktionen mit Beginn in Kindheit und Jugend“, unter: https://www.therapie.de/psyche/info/index/icd-10-diagnose/f9-kinder-jugend/f94-stoerungen-sozialer-funktionen-mit-beginn-in-der-kindheit-und-jugend/]

One Review

  1. Ich freue mich immer, wenn sich Fachleute mit dem Selektiven Mutismus auseinandersetzen und dabei auch neue Ansätze und Denkmodelle einbringen. Denn ich bin mit der Störung ohne Therapie erwachsen geworden – und ich wünsche mir, dass Kinder heute besser begleitet werden können als ich vor 35 Jahren.

    Danke für den Text, der die Problematik gut erfasst. Eine Anmerkung zur folgenden Textstelle möchte ich aus Sicht der Betroffenen machen:

    “Und Sina, das Mädchen, das ich therapeutisch begleiten konnte, versteckt ihre Stimme– um nichts von sich zu zeigen? Um keine ihrer Stimmungen kundzutun und dabei der Gesellschaft zu zeigen, wie es ihr geht?
    Das wissen wir nicht. Und das sollen wir auch nicht wissen, sonst würden Mutisten es uns sagen statt zu schweigen.”

    Das klingt, als ob das mutistische Mädchen eine Möglichkeit hätte, sich für oder gegen das Sprechen zu entscheiden – und diese Möglichkeit haben Menschen mit Selektivem Mutismus nicht. Die Sprechblockade entscheidet. Wenn sie auftritt, kann man sie nicht durch eine Willensentscheidung aufheben.
    Mutisten wollen nichts verschweigen – sie können (in dem Moment) nicht sprechen. Dieser Unterschied ist mir wichtig.

    Bisher ist sehr wenig erforscht, warum die Psyche die Sprache blockiert. Daher greift deine Abschlussarbeit einen wichtigen Aspekt auf. Danke dafür. 🙂

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