Serie – Szenen aus dem Wartezimmer /// Heute: Ein Mann, ein Anzug.

Auch ein Geschäftsführer im schicken Anzug hat mehrere Rollen im sozialen Gefüge - es lohnt sich, sie flexibel einzunehmen.

Wieder einmal abgehetzt und völlig außer Puste drückt der junge Geschäftsführer eines hoch erfolgreichen Unternehmens die Klinke energisch nach unten und betritt schnellen Schrittes die mit Altbaucharme behaftete Praxis. Der 35-jährige Mann trägt einen langen Stoffmantel, unter dem sein graumelierter Anzug mit der perfekt gebundenen Krawatte erst dann zum Vorschein kommt, als er den Kleiderbügel nahm, um das geschmackvolle Kleidungsstück an der Garderobe aufzuhängen, bevor er den Therapieraum betrat. Er nahm sein Smartphone sowie das Lederportemonnaie aus den Manteltaschen heraus und legte es auf den Tisch, bevor ich ihm erst einmal ein Wasser anbot, bevor die Therapiestunde losging. Wir kennen uns schon seit einigen Wochen – seitdem er in die Praxis kommt, um seine Aussprache durch artikulatorisches Sprechtraining und Elementen der Stimmtherapie zu verbessern. Er erzählte mir, dass er am Tag mindestens fünf lange und wichtige Telefonate führt und dafür bestens vorbereitet sein will und muss – denn das Ergebnis dieser digitalen Meetings spricht er dann ein, um es der Sekretärin zukommen zu lassen, damit diese die wichtigsten Fakten noch einmal zur Schrift bringen kann. Es ist ihm wichtig, dass die Arbeit dadurch zügig und ohne große Fehler abläuft – gerade, wenn es um bürokratische Dokumentationsangelegenheiten geht. Denn das ist nur der Nebeneffekt all dessen, was er den ganzen Tag leistet. Viel mehr beschreibt er, dass er die Ergebnisse doch „sowieso alle im Kopf haben muss“ und das Personalmanagement der über 200 Mitarbeiter bedeutender sei. Er spricht von Mandanten, Klienten, Mitarbeitern, Kollegen; von Briefen, von E-Mails, von Skype und von Meetings; er spricht von Arbeitszeiten, von Qualitätserhaltung, von Personalgesprächen und Löhnen; von Stellen, von Marketing, von Onlinegeschäften und Aufträgen – wovon er nie spricht ist von sich.

Was alles auf seinen Schultern lastet spüre ich mehr als deutlich – Verspannungen, die sich immer und immer mehr lösen, von Therapiesequenz zu Therapiesequenz. Verspannungen, die sich vom ganzkörperlichen Erscheinen auf feinmotorischere Funktionskreise legen, so wie es die Stimme und unser Sprechen ist. Es ist spannend, ihm zuzuhören und fast schon förmlich zu erkennen, wie weniger schwer seine Schultern wirken, wenn plötzlich nicht mehr er derjenige ist, der Gespräche führen „muss“, sondern will. Wenn er plötzlich derjenige ist, der Zeit für sich hat und ein offenes Ohr für das, was auch zu ihm gehört – neben aller Stärke und Leistungsbereitschaft, die er tagtäglich nicht nur sich selber, sondern auch den anderen beweist. Er wird aufmerksam für seinen Körper und die Signale, die er ihm aussendet – wird empfänglicher für ganzheitliche Methoden, die an eine ganzheitliche Betrachtung des Menschen als bio-psycho-soziale Einheit geknüpft sind und lernt, dass „sich selbst besser kennenlernen“ auch heißt, die anderen in einer sozialen Beziehung mit sich selbst als die zu sehen, die sie sind und aufmerksamer zu sein.

Die Therapiestunde neigt sich dem Ende zu – der Patient sagt mir, dass er noch ein Meeting hat und schnell zum Büro fahren muss. Ich merke, wie seine Atmung schneller und höher wird, seine Stimme weniger entspannt klingt und er in Anspannung nach einem Stift greift, um die Therapieeinheit zu unterschreiben. Das ist aber noch nicht alles – ich begleite ihn zur Tür, vor der er sich seinen Mantel über den Anzug wirft – als er geht wird sein Gesicht starrer, seine Schultern heben sich und sein „Auf Wiedersehen“ klingt eher danach, als hätten wir uns geschäftlich verabredet. So nimmt er seinen Schirm unter den rechten Arm und geht mit hochgezogenen Schultern zur Tür hinaus, bis wir uns dann das nächste Mal hier begegnen.

 

Ist es der Anzug, der uns das Gefühl für die Rolle gibt, die wir jetzt im Moment eigentlich gerade einnehmen müssen?

 

Jeder von uns hat mehrere Rollen im sozialen Gebilde – wir sind Kinder, Mütter und Väter, Freunde, Kommilitonen, sind Großeltern und Kollegen, Chefs und Ehepartner. Es ist gar nicht leicht, eine Rolle abzulegen, aber es ist interessant, die Rollen flexibel einzunehmen. Dass ich als Geschäftsführer eine hohe Verantwortung trage und deshalb mit einem hohen Grad an Stress, Spannung und Bewusstsein im Sinne der Firma umgehen muss, steht dabei gar nicht zur Debatte. Dass ich aber dabei auch für mich sorgen muss, um weiterhin gut und konstruktiv arbeiten zu können, bedarf einiger Rollen mehr als die berufliche, die dem Geschäftsführer eigen ist.

2 Review

  1. Liebe Maria, ein großes Kompliment für diesen schönen , sehr interessanten Artikel! Achtsamkeit uns selbst und anderen gegenüber sollte wieder mehr Bedeutung bekommen. Schmunzeln musste ich über mich selbst und die “Altbaucharme” am Anfang deines Textes, nachdem ich kapiert hatte, was du meinst.
    Weiter so und viele liebe Grüße!

    1. Liebe Claudia,
      vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren! Du hast mir mit deiner Deutung von “Altbaucharme” ein breites Lächeln ins Gesicht gezaubert 😊
      Ja, diese Achtsamkeit geht in unserer schnellen, hektischen Zeit schnell verloren – was wir tun können, ist sie für uns ein Stück weit gewinnen und behalten. Sicherlich wird es meinerseits bald einen Kurs zum Thema ‘Achtsamkeit’ geben – vielleicht hast du ja Interesse. Ich lasse dich wissen, wenn es so weit ist. Ich freue mich darüber, dich als Leserin zu haben!
      Viele Grüße
      Maria

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