Ein Leben am Marionettenfaden

Selbstbestimmt vs. Fremdbestimmt. Wir haben die Wahl, der eigene Regisseur unseres Lebens zu sein.

Könnt ihr euch das vorstellen? Hauptdarsteller sein – Hauptdarsteller der Serie, die euer komplettes Leben zeigt? Von Geburt bis zu dem Zeitpunkt, an dem ihr merkt, dass etwas nicht stimmt, was die Regisseure da mit euch und eurem Leben gemacht haben? Nämlich ein Leben, das inszeniert wird von Menschen, die hinter der Kamera stehen und sich tagtäglich neue Drehmomente einfallen lassen, um die Zuschauer vor den Bildschirmen mit neuen Stories und dramatischen, humorvollen, skurrilen und eben auch lebensalltäglichen Szenen zu begeistern. So, wie ich es diese Woche im Film „The Truman Show“ sah. Ihr glaubt, das geht nicht? Ich glaube schon!

Viel schöner an einem Film selbst sind die Gespräche, Diskussionen und eigenen Gedankengänge nach dem Ende dessen, an denen wir uns bewusst werden lassen können, was der Film mit unserem Gemüt, unseren Emotionen, unserem Körper und unseren eingefahrenen Meinungen zu manchen Dingen gemacht hat. So ging es mir, als ich besagten Film sah – denn spannend ist wirklich, dass dessen Inhalt so viele Parallelen zu einem Leben darstellt, in denen ich viele Menschen in unserer derzeitigen Gesellschaft sehe. Natürlich ist ein Vergleich mit „Big Brother“-Methoden im Sinne einer 24-Stunden-Überwachung und Kontrolle jeder einzelnen Minute des Menschen damit nicht gemeint, sondern vielmehr die Macht eines „Regisseurs“ über Taten und Entscheidungen, Wege und Grenzen, Mauern und gebahnten Straßen, die den Menschen sowohl im beruflichen, politischen, wirtschaftlichen und privaten Lebensbereich umgeben und ihn in vielen Dingen zu dem machen, was aus ihm gemacht werden soll. Während der Film zeigte, dass Komparsen engagiert wurden, die zu einer vereinbarten Zeit an einem verabredeten Platz zusammentreffen und dem Protagonisten etwas vorspielen, das er schon als seine Normalität des eigenen Alltags betrachtet, gibt es im tatsächlich wahren Lebensgeschehen auch die Menschen, die uns etwas vorspielen – die allerdings keinen Regisseur brauchen, sondern ihr eigener sind. Ihr eigener Regisseur, um Dinge so zu handhaben, wie sie es eben in einem Augenblick brauchen, der ihnen weiterhelfen kann, der sie in ihrem Handeln und Wirken weiterbringt und nicht darauf besonnen ist, das Gegenüber als gleichwertigen „Komparsen“ zu sehen, sondern als den, für den das ganze gespielt wird. Als den, der gutgläubig durch sein Leben geht, was nicht mehr selbst- sondern fremdbestimmt ist und es nicht als solches wahrnimmt. Wie oft fehlt uns der Mut, die Einsicht und die akzeptierende Wahrnehmung für das, was wir sind und was eben nicht. Wie oft sind wir fremdbestimmt, wie häufig ist es uns möglich, eigene Entscheidungen zu treffen, die uns selbst gut tun und nicht für einen Zweck bestimmt sind, der berufliche oder wirtschaftspolitische Vorteile für „die anderen“ haben?

Manchmal gibt es auch kleine Fehler im Drehbuch – wie mit ihnen umgegangen wird, hängt ganz vom Regisseur ab. Sicher gibt es unter ihnen diejenigen, die die Missgeschicke geschehen lassen und neugierig darauf warten, was der vermeintliche Schauspieler mit dem Moment macht – und dann gibt es die, die alles so drehen, dass der Fehler nicht als solcher erkannt wird und schnell von neuen Highlights, kreativen Geistesblitzen und humorüberschäumten Szenarien überdeckt wird – so wie in „The Truman Show“.

Ist das tatsächlich unser Leben? Wollen wir das so? Was hindert uns daran, keine Marionette zu sein, die das macht, was die anderen von uns erwarten? Und was würde es für uns bedeuten?

Die, die uns sagen wollen, dass alles nur inszeniert ist, die nehmen wir nicht für voll. Sie sitzen da und sehen zu, wie all das mit uns gemacht wird, weinen Tränen um uns. Und wir – weinen wir selbst Tränen um uns? Vielleicht dann, wenn uns selbst bewusst wird, dass etwas nicht stimmt. Uns selbst. Es muss aus uns herauskommen – und nicht dann, wenn uns jemand darauf hinweisen will. Wenn wir statt blind zu glauben, statt gefällig den anderen etwas Gutes zu tun und statt unseren Verstand als wichtiger zu betrachten als unser Herz, mal das Gegenteil tun und den Moment anhalten, an dem es uns zu viel wird. Der Moment, an dem wir selber merken, dass wir die sind, die die anderen aus uns machen, statt uns selbst mit unserem eigenen Ich zu akzeptieren und durch unseren Charakter und unsere Persönlichkeit zu identifizieren.

Ich kann euch einfach ans Herz legen, dass ihr diesen Film unbedingt sehen solltet, um mehr von euch und eurer Rolle im sozialen Gebilde kennenzulernen. Es lohnt sich – es wird sich noch tagelang danach lohnen! Ihr werdet merken, dass auch euch manche Dinge begegnen, die einfach gesellschaftliche Konformität bedeuten – das geht meistens schon früh am Morgen los, wenn wir ins Auto steigen und der Gruß des Nachbarn an sieben Tagen in 52 Wochen und an 365 Tagen des Jahres so oder so ähnlich klingt: „Guten Morgen. Und falls wir uns nicht noch einmal sehen: Guten Nachmittag, Guten Abend & Gute Nacht“. Stellt euch einmal vor, wir antworten nicht mit unserem gewöhnlich freundlichen Gruß zurück. Sind wir dann eine Marionette, deren Fäden langsam dünner werden, weil zu oft an ihnen gezogen wurde?

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