Zu hohe Erwartungen an Musik?!

Musik bedeutet für jeden etwas anderes, aber in der Musiktherapie immer einen therapeutischen Prozess mit dem Medium Musik.

Ein ganzes Wochenende umgaben mich Musik und musiktherapeutische Themen. Es beschäftigte mich sehr, dass ich von anderen Kollegen mehr und mehr hörte, dass hohe Erwartungen an uns Therapeuten UND an die Musik innerhalb musiktherapeutischen Arbeitens gestellt werden. Nicht selten entstehen Diskussionen über die Bedeutung der Musik als Entspannungsmedium und Allwundermittel, das jegliche Sorgen heilen kann und das durch seine durchaus gesicherte Wirkung als Katalysator für unsere Emotionen. Doch ist es das, was das Ziel des musiktherapeutischen Arbeitens ausmacht? Es ist selbstverständlich eines von vielen Handlungsfeldern, Menschen durch Musik zu innerer Ruhe führen zu lassen, ihnen die Möglichkeit zu geben, das Medium Musik dafür zu nutzen, um zu sich zu kommen. Auch denke ich dabei an Bereiche wie  palliativmedizinisch betreute Patienten, Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit geistigen und Schwerstmehrfachbehinderungen oder auch die Begleitung sterbender Menschen, mit denen wohl eher im suggestiven Sinne Therapie geschehen kann. Suggestiv definiert dabei, dass es um keine aktiven Handlungen und Interaktionen geht, sondern um Klänge, Rhythmen und Töne, die den Klienten erreichen und in ihm Gedanken, Gefühle und körperliche Regungen auslösen können, die durch den behutsamen Umgang des Therapeuten situationsangemessen gewählt werden. Denn gerade in diesem Umfeld sehe ich Nöte im Ernstnehmen, Zeitnehmen und Eingehen auf seelische Nöte, psychosoziale Folgestörungen oder nicht zum verbalen Ausdruck kommende Sorgen.

Doch dann ist Musiktherapie auch viel mehr – sie ist charakterisiert durch einen therapeutischen Prozess, der durch das Medium Musik gestützt wird und die seelische Gesundheit erhält, fördert und wiederherstellt. Es geht nicht darum, dass die Musik oder gar der Therapeut etwas mit dem Patienten macht, sondern dass die Musik in ihren unterschiedlich therapeutisch genutzten Methoden der Verbesserung der Selbstwahrnehmung dient, dem Kennenlernen des eigenen Ichs in unterschiedlichen Situationen mit einem selbst und in Beziehungsgestaltung mit „den anderen“. Der Therapeut gibt dabei Anregungen, Impulse und Handlungsmöglichkeiten in einer Lebenssituation, die geprägt ist von Handlungsunfähigkeit, von Einschränkungen der Wahrnehmungsfähigkeit bezüglich eigener Erfahrungs- und Erlebnisinhalte, aber auch derer, die die soziale Interaktion und Kommunikation betreffen. Sie schafft, dass die Menschen wieder zu sich finden – zu verborgenen Gedanken, zu wahrhaftigen Gefühlen, die sich mit unseren körperlichen Empfindungen verknüpfen lassen. Ein musiktherapeutischer Prozess findet dann statt, wenn der Mensch als bio-psycho-soziales Wesen erkannt wird und das Zusammenspiel dieser drei Ebenen Raum bekommt, durch musiktherapeutische Handlungsmittel erfahren zu werden.

So wichtig die Rolle der Musik innerhalb musiktherapeutischer Prozesse und Selbsterfahrungsmöglichkeiten auch ist, darf nicht die Notwendigkeit eines Gespräches nach musiktherapeutischen Handlungsmöglichkeiten in ein weniger wichtiges Licht rücken. Denn erst im verbalen (lautsprachlichen) Feedback kommen Empfindungen zum Tragen, die in den handelnden Patienten stecken und die während des Erlebens erfahren wurden. Die Gespräche regen zu neuen Impulsen an, fördern den kreativen Ausdruck und das Aufmerksamwerden auf sich selbst und eigene Gedanken und Gefühle. Durch den psychotherapeutischen Charakter der Musiktherapie und durch das gleichzeitige Nutzen der Musik, was somit das Alleinstellungsmerkmal musiktherapeutischen Handelns bedeutet, stellt diese Therapieform eine fantastische Mischung aus aktivem Erleben und Handeln sowie lohnenswertem, für den Patienten gewinnbringenden und sich selber besser kennenlernenden Feedback dar!

Dem Patienten wird also geholfen, sich selbst zu helfen – er bekommt Anstöße, Eindrücke, Anregungen und Möglichkeiten, die ihm zu sich finden lassen können. Das ist es, was Musiktherapie schaffen will, kann und wird!

Musik ist und bleibt für jeden das, was es für ihn ist. Sie bedeutet Leben und Spiel, Liebe und Schmerz, Glück und Frust, Wut und Angst, Tanz und Lied, Scherz und Mut, Freund und Feind, Vorurteil und Tatendrang, Ruhe und Bewegungslust, jede Menge Spaß und Lust.

 

Ich möchte hier noch einmal betonen, dass ich nach dem musiktherapeutischen Konzept nach Ch. Schwabe arbeite!

5 Review

  1. Es ist sicher wichtig, dieses Feedback. Doch, wie in meinem Fall , gibt es Patienten, die nicht über das Instrument der Stimme verfügen. So geht es meiner Frau nach ihrem zweiten Schlaganfall. Dennoch werden Emotionen bei ihr durch Musik geweckt. Erinnerungen an bereits vor ihren Erkrankungen werden geweckt und es sind durchweg positive, wie ich an ihrer Mimi erkennen kann. Die Musik weckt diese Erinnerungen in deiner Art und Weise. Nicht direkt und grob, sondern auf behutsame Weise. Das jedenfalls entnehme ich ihrer Körpersprache. Die seltenen Konzertbesuche scheinen sie und ihre geistige Rekonvaleszenz zu beflügeln.
    Das kann ich natürlich nur als therapeutischer Laie beurteilen und behaupten.
    Ihre Worte, Werte Maria, haben mir wieder ein Stück Hoffnung gegeben. Die Entwicklung meiner Frau wieder zu befördern. Besten Dank!

    1. Hallo Herr Pick,
      danke fürs Lesen und Kommentieren meines Beitrags. Es ist schön zu erfahren, dass Ihre Frau über die Emotionen von Musik weiß, auch wenn sie nicht mehr über die verbalen Mittel verfügen kann, sie zu Worten zu fassen. Aber genau das ist es, was ich im ersten Teil meines Beitrags betonen wollte – gerade die Patientengruppen, denen es nicht mehr möglich ist, an aktiven musiktherapeutischen Angeboten teilzunehmen, eine Chance zu geben, Musik in anderer Art und Weise zu erfahren – nämlich durch Summen, Singen oder Tönen des Therapeuten im Prozess und der musiktherapeutischen Arbeit mit Patienten. Dem Patienten auch einfach mal etwas gutes tun neben all den anderen Übungstherapien. Und gerade da ist die Musik eine wunderbare Chance! Als Logopädin kann ich Ihnen ebenfalls sagen, dass es einigen Schlaganfallpatienten einen Lichtblick gibt, wenn sie zum Singen animiert werden, denn vieles, was mit Worten nicht mehr möglich ist, kann durch Singen geschehen! Nun weiß ich nicht, welche Art des Schlaganfalls ihre Frau betraf und welche Areale des Gehirns dabei mit betroffen sind, aber probieren Sie es doch mal aus: Vielleicht erinnern Sie sich an ein einfaches Volkslied, das Ihre Frau früher gerne gesungen hat und versuchen es mal gemeinsam mit ihr. Diese Tipps soweit jedoch erstmal nur, ohne Ihre Frau zu kennen. Jeder Patient ist selbstverständlich anders und zeigt andere Symptome!

      Eventuell verfügt Ihre Region auch über eine Musiktherapeutin?

      Viele Grüße und danke für Ihre Worte!

  2. Hallo Maria, dein post hat mein Herz berührt und ich kann deine Worte unterstreichen und in die Welt weiterleiten!
    Ich bin MT in der Neurologie einer Rehaklinik.
    Liebe Grüße
    Falk

    1. Hallo Falk,
      lieben Dank fürs Lesen und deine Worte. Besonders schön sind sie, weil sie ja von dir als einem Kollegen des musiktherapeutischen Arbeitens geschrieben sind. Wenn du auf Facebook bist, dann kannst du mir dort folgen und so regelmäßig Neuigkeiten erfahren. In welcher Klinik arbeitest du?
      Viele Grüße
      Maria

  3. Ich bin in der Rehaklinik Flechtingen bei Haldensleben ( Magdeburg). Okay, weiter auf FB. Viele Grüße

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