Her mit dir, du fantasiereiches Leben

Wir bauen uns aus Fantasien Geschichten, die unser Leben bunter machen.

Ich war unterwegs in der Stadt. Hatte Zeit, mich auf eine Bank zu setzen, dem ersten Sing-Sang der Vögel zu lauschen und um mich herum das geschehen zu lassen, was eben so geschieht. Ich schaute mich um, sah viele Menschen in Eile mit schweren Taschen und schnellen Fahrrädern an mir vorbeihuschen, beobachtete Mütter mit Babys auf dem Arm und im Kinderwagen, erschreckte mich vor dem Hupen der Autos, die viel zügiger an den Stadtlinienbussen vorbeifahren wollten, als es in der Hauptverkehrszeit am Feierabend wohl zu schaffen ist. Und dann – dann fiel mir etwas ganz besonderes auf: vor einem noch nicht eröffnetem kleinen Geschäft an einer Ecke einer schmalen Gasse, die mich durch ihr attraktives Altstadtflair besonders staunen ließ, stand ein gigantisch großes Paket, das wohl für das neue Lädchen bestimmt war. Es war umhüllt von einer Plastikfolienschicht, die über das viereckige Pappgebilde gezogen war, damit es wohl nicht beschädigt wird und die neuen Besitzer den Inhalt in vollsten Zügen benutzen können. Die Sonne schien mittlerweile warm auf mein Gesicht und brachte mir das Gefühl eines ersten Vorfrühlingstags und sie erhellte die komplette Ecke, an der das geheimnisvolle Paket stand. Ich sah, wie die Menschen vom Fußweg herunter stiegen, weil es genau auf diesem stand und hörte, wie sie schimpften darüber. Sie schimpften und fragten in lautem Ton ‚was das wohl solle’ und ‚ob die Leute denken, dass sie hier alles auf der Straße abstellen können’. Sie schimpften, obwohl kein einziges Auto auf der kleinen Gasse fuhr und sie freien Weg für ihren kurzen Ausflug auf die Pflastersteinstraße hatten. Andere wiederum beachteten das Paket nicht einmal, nahmen es für selbstverständlich und gingen wort- und blicklos um das auffällige „Etwas“ herum, um dem Hindernis auszuweichen. Und dann – dann gibt es sie – die, die das Paket beklopfen, ertasten, springen, um mehr zu entdecken, es an allen Seiten mit den Händen bestreichen – ja, sogar mit dem Fuß dagegen treten. Ich sehe sie, wie sie mit den Ohren daran lauschen, um den wuchtigen Karton herumgehen, mit den Händen um die Augen haltend in das Schaufenster des neuen Geschäftes lunzend, um Hinweise über den eventuellen Inhalt der Kiste zu bekommen. Ich sehe, wie sie fragend davor stehen und lachen, wie sie von ganz unten an der Seite nach oben schauen und versuchen, die Plastikfolie zu erkunden. Es sind nicht die gestressten Bürohengste, nicht die angespannten Lehrer oder die perfekt gestylten Friseusen, die da gerade auf dem Weg von der Arbeit nach Hause laufen. Es sind nicht die Workaholics, nicht die Außendienstmitarbeiter, die uns Eis oder einen Staubsauger verkaufen und nicht die Hausfrauen, die ihren Wocheneinkauf erledigen – es sind die Kinder, die aus dem Kindergarten ihren Heimweg mit Mama oder Papa antreten, die, die gerade aus dem Therapieraum einer Praxis kommen und die, die einen Spaziergang mit ihren kleinen Freunden unternehmen. Ich kann sie von meinem schönen Fleckchen Erde beim Inspizieren des mittlerweile sogar auch schon für mich geheimnisvoll gewordenen Pakets beobachte und mit voller Freude ihren Ideen über den Inhalt lausche – ein unglaublich wirkendes „Woooooooow“ oder fast schon vor Spannung geschrieenes „Oooooooooh – wie riesig ist denn das?“ waren ja fast schon keine besonders aufregenden Reaktionen gegen die Ideen, die ich danach hörte! „Da ist bestimmt ein Elefant drin, der aus dem Zoo wegmusste, weil er keine Freunde gefunden hat.“, hörte ich einen Jungen vorschlagen, dessen noch kleinere Begleitung das vehement verneinte und sagte, dass es „ein ganz großer Schrank mit vielen Spielsachen“ sei. Ein paar Minuten später machten schon die nächsten Kinder Halt und schenkten mir weitere kreative und fantasiereiche Ideen  – diesmal waren die Geistesblitze, die nicht nur von Jungs kamen, „Ein Stormtrooper, der so groß ist wie Papa“ und „Eine Rakete, die nachher mit viel Krach in den Himmel fliegt!“.

Auf dem Weg nach Hause lächelte ich wahrscheinlich jeden mir entgegen kommenden Passant an, weil ich mit meinen Gedanken noch bei genau dieser Situation war und erfreute mich daran, in welchen unterschiedlichen Weisen es gelingen kann, eine Sache zu betrachten. Und die wohl lohnenswerteste und interessanteste war es, dieses „Etwas“ mit Fantasie zu bereichern. Fantasie, die mir an diesem Nachmittag in der Woche mit den ersten Sonnenstrahlen des Jahres nur Kinder zeigen konnten. Sie haben mich fasziniert, auf welche spannenden, geheimnisvollen, lustigen und originellen Ideen sie kommen, obwohl sie einfach ein viereckiges Gebilde sehen, das mindestens viermal so groß ist wie sie selber. Sie bauen sich ihre Geistesblitze zu Geschichten zusammen, spielen mit Drachen und Prinzessinnen, sind Könige und Königinnen für einen Tag und nichts kann sie davon abhalten wie ein tapferer Ritter zu kämpfen. Sie haben Ideen, an denen wir in der Vorstellung scheitern, weil wir gleich an die Grenzen der Umsetzung denken. Die Grenzen kennen diese kleinen Erdbewohner noch nicht – deshalb sind sie frei im Denken und im Handeln. Wir haben ihnen viel voraus, weil wir dies wissen – aber sie haben uns viel voraus, weil sie dies nicht wissen. Sie sind Erschaffer von Ideen, Innovationen, (Un)möglichkeiten, spannungsgeladener Imagination und facettenreicher, bunt überschäumender Einbildung von wahr gewordener Faszination. Und wir – wir Erwachsenen – wir lassen es nicht oft zu, Fantasien zu entwickeln, weil wir uns selbst hemmen und uns einreden, dass sie gar nicht so wichtig sind, wenn wir sie eh nicht umsetzen können. Wir beäugen Ideen und Geistesblitze kritischer, jedoch mit mehr Wahrheit als es Kinder können, die viel freier leben als wir.

Doch was würde es bedeuten, mal wieder freier zu sein im Denken? Kreative Geschichten und Gedanken zuzulassen und sich in ihnen für einen kurzen Moment fallen zu lassen bedeutet, dass wir ein Stück weit zu uns finden können, zu unserem Fühlen und Denken. Fantasie bedeutet Freiheit. Freiheit bedeutet, ohne Grenzen zu sein. Grenzen setzen wir uns und werden uns gesetzt, sie gehören zu uns und sind fest in unserem Leben verankert. Es ist die Mischung, die unsere Fantasie ausmacht – Lasst sie uns zulassen so wie es die Kinder taten und wie sie in völliger Freude daran festhielten und lasst uns nicht vergessen, dass in ihr die Grenzen der Wirklichkeit verschoben sind …

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