Lieben geht auch ohne Valentinstag

Li̱e̱·be

Substantiv [die]

Zum Valentinstag sehe ich rote Rosen an Autos, Pärchen in überfüllten Restaurants sich schweigend gegenüber sitzend, Kinoprogramme mit zum Weinen schönen Romantikstreifen und rosarote Cocktails. Ich entdecke Herzschokolade und parfümkaufende Männer, fotoalbumbastelnde Frauen und Gedichteschreiber. Werde übermannt von Gutschein- und Internet-Express-Versand-Käufern, kaffeetrinkenden Frischverliebten, handhaltenden Spaziergängern, die ihre Namen in die Baumrinde oder in einem Schloss verewigen lassen und von fröhlich verliebt wirkenden Selfies in sozialen Netzwerken. Sehe rennende Fleuropversandfahrer, stolze Ringträger und Liebesliedsänger, Haustierverschenker und Home-Cooking-Experten.

Nicht weniger bedeutungsvoll jedoch sind die Szenen, die mich in meiner Arbeit als Therapeutin immer wieder darauf besinnen lassen, dass wir nicht nur an einem einzigen Tag im Jahr, so wie er es heute ist, unserem Partner zur Seite stehen, ihn in voller Liebe unterstützen und ihn in Geborgenheit schützend halten, was auch immer kommen mag. Gerade wenn ich unterwegs bin, weil ich zum Hausbesuch fahre, sehe ich genau diese Liebe, die die Menschen miteinander teilen. Sie pflegen ihre Angehörigen, ihren Mann oder ihre Frau, die nicht mehr zu jeglicher Bewegung in der Lage sind, die nicht mehr alleine essen können und sich nur mit Lauten oder ohne jegliche Worte äußern können. Verstummte Gesichter, handlungsunfähige Körper und an das Haus gebundene Persönlichkeiten erwarten mich – aber genauso erwarten mich verständnisvolle helfende Hände, wie sie liebevoller nicht miteinander umgehen können, aufmunternde Blicke und Engel, die über dem Pflegebett hängen und sagen „Es wird alles gut“. Auch im Wartezimmer finde ich diesen würdevollen Umgang miteinander – den Partner aus dem Rollstuhl helfen, sich Zeit nehmen, ihn zu seinen Therapien zu fahren, für ihn das Essen zu bereiten obwohl wir selbst arbeiten gehen und uns das Leben wahrscheinlich anders und einfacher vorgestellt haben. Aber genau das ist es manchmal, manchmal auch leider viel zu früh – das Leben und auch die Liebe – gefesselt an Medikamenteneinnahmezeiten, Therapiekoordination und Erhaltung der alltäglichen Pflege. Dann frage ich mich manchmal: was erträgt eigentlich die Liebe?

Die Liebe ist ein inniges Gefühl, das zwei Menschen füreinander spüren. Liebende geben sich das Wort und den Schwur, in guten sowie in schlechten Zeiten füreinander da zu sein. Und wenn sie dann da sind die schlechten Zeiten – dann schwindet sie nicht, die Liebe, sondern sie hat die Kraft, genau dann auch Stärke und Innigkeit zu beweisen. Es ist nicht leicht, sich immer in vollster Verbundenheit und Liebe um den kranken Lebenspartner zu kümmern – aber ist es nicht auch wundervoll, für ihn da zu sein und zu wissen, dass er es uns dankt? Oftmals gibt es Momente, in denen die Energie nicht immer reicht, um eigene Bedürfnisse hinten anzustellen und darauf zu verzichten, was wir uns gemeinsam mit demjenigen aufgebaut haben. Dann wird es Zeit, wieder neue Kraft zu tanken. Und es sind die kleinen Momente des Lebens, die uns Freude bringen und uns wieder zu neuer Vitalität kommen lassen. Und bis dahin heißt es eben einfach manchmal, sich das gegebene Wort zu halten und füreinander da zu sein – verantwortungsvoll mit der Liebe umzugehen. Dann kommt sie auch zu uns zurück.

Wozu ist Liebe bereit? Ich habe einen Filmtipp für euch – schaut euch „Liebe“ (Originaltitel „Amour“) von Drehbuchautor und Regisseur Michael Haneke aus dem Jahr 2012 an! Zum Weinen schön! Er spricht außerdem von der Magie der Musik!

Hier ist der Trailer:

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