Serie – Szenen aus dem Wartezimmer /// Heute: Laute(r) Stille

Aquarellbild von Maria Hoffmann

„Das ist doch der Junge, der immer so still“ ist, höre ich es mit frecher, recht lauter Stimme zu meinen Ohren schallend, als Lukas* den Raum betritt. Als würde er es nicht mitbekommen, dass damit gerade Worte über ihn fielen, zog er langsam seine Jacke aus, hing sie an die Garderobe und lächelt freundlich, so wie die letzten Male, als er zu mir kam. 

Noch eine ganze Weile beschäftigte mich das, was der 11-jährige Paul* da sagte über den zwei Jahre älteren und einen Kopf größeren Jungen, der tatsächlich fast immer schweigend im Wartezimmer sitzt, sich Bücher ansieht, auf seinem Handy tippt oder andere Kinder mit seinem offenen, freundlichen Blicken beim Spielen und Plappern beobachtet. Zum Beispiel beobachtet er oft Paul – denn Lukas und er sind zur selben Zeit hier und warten darauf, dass sie in den Therapieraum gerufen werden. Im Gegensatz zu Lukas ist Paul ein weniger stiller Junge, der in Büchern blättert oder sich mit einer Sache beschäftigt, sondern der, der immer ein Gespräch mit anderen Kindern, Therapeuten oder Wartenden sucht, um über seinen Schultag, seine Erlebnisse des vergangenen Wochenendes oder seine neuen Einfälle in allen Dingen zu sprechen. „Toll“, denke ich mir – es passiert nicht oft, dass Kinder auf andere Kinder zugehen und einfach drauf los sprechen ohne jegliche Hemmungen zu haben. Die andere Seite der Medaille ist allerdings die geringe Distanz – die wiederum hat Lukas. Indem er oft seine Gedanken und Gefühle für sich behält, enge Vertraute hat, mit denen er über Lieblingsmomente, Ängste, Höhenflüge, Tiefschläge, Schulnoten, Freundschaftsbänder und Geistesblitze spricht und sie nicht jedem ausplaudert, der ihm gerade über den Weg läuft. So verschiedenen die beiden Jungs sind, die mich beide auf ihre Art und Weise mit ihren Gewohnheiten und spannenden Charakterzügen faszinieren, so beeindruckt mich, dass dieser Moment, der da geschah, ein Moment ist, der aus dem Leben von uns allen gegriffen ist.

Ist es nicht so, dass uns an anderen Menschen die Dinge auffallen, die wir entweder selber nicht haben oder von denen wir selber so viel derer haben, dass es eine Selbstverständlichkeit geworden ist, es auch an anderen erkennen zu wollen? Es wundert mich nicht, dass gerade dem aufgeweckten, unermüdlichen elfjährigen Jungen die Ruhe und Geräuschlosigkeit des älteren Jungens auffällt. Es ist das, was er nicht hat. Es ist ein nur sparsam vorhandener Charakterzug, der ihm aber vielleicht manchmal auch auf die Füße fällt und ihm wohl durch verbale Impulse bekannt gegeben wird. Oftmals sehen wir an anderen auch genau diese Dinge und bringen sie zu Wort – manchmal recht unsanft und verletzend für unser Gegenüber. Dann sprudeln die Worte aus uns heraus, ohne dass uns der Geist möglich macht, darüber nachzudenken, was wir dem anderen gerade mit den laut gewordenen Gedanken bereiten. Und: was auch wir uns selbst damit bereiten, nämlich innere Unruhe, Nervosität, Spannung und Missgefühle. Viel lohnenswerter und ergiebiger für uns wäre es, unser eigenes Ich zu fragen, was die Verhaltensweise des Anderen gerade mit uns selber zu tun hat – ist es ein Gefühl, das wir früher schon einmal hatten und uns wieder an ein schmerzliches Ereignis erinnert? Ist es ein Verhalten, das ein Anderer sich schon oft von uns gewünscht hat und wir prinzipiell aber nicht wissen, wie wir es erfüllen können? Ist es etwas, was uns selber an uns stört und wir übertragen es nun auf die Erscheinung, die da vor uns steht und eigentlich nichts mit uns zu tun hat?

Wir sollten wacher werden für uns selbst und für das, was uns in uns begegnet, auch wenn es oftmals nicht so leicht ist, sich selbst richtig kennenzulernen. Dinge an anderen zu sehen, zu bemängeln und als „falsch“ abzustecken scheint der einfachere Weg zu sein, den wir gehen, um uns nicht besser kennenlernen zu müssen. Denn dann könnten wir Fehler an uns finden, die uns absolut nicht gefallen – Moment einmal! Fehler entdecken! – Es ist schön, Makel zu entdecken, die uns einzigartig machen und zu etwas Besonderem. Manche Schwäche macht uns zu dem, der wir sind und der uns ausmacht, der uns liebens- und schätzenswert macht. Es gibt niemanden auf dieser Welt, der perfekt ist. Aber es gibt mit Sicherheit jemanden auf der Welt, der uns perfekt findet.

*Die Namen der Patienten wurden geändert!

Dieses wunderbare Aquarellbild malte Maria Hoffmann, ebenfalls Bloggerin und angehende Musiktherapeutin für meinen Beitrag! Herzlichen Dank!

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