So fand sie ihre Ruhe unter dem Lindenbaum

Landschaft mit grüner Wiese

Als ich das Zimmer der alten Dame betrat lag sie mit einer schweren Decke in ihrem Bett und hielt ihre Augen geschlossen. Sie ließ sich nicht davon stören, dass ich mir nicht gerade leise einen Stuhl an ihr Bett schob, meine Tasche auf den Boden abstellte, langsam die weinrot-gepunkteten Vorhänge öffnete, um etwas Tageslicht in den kleinen, dunklen Raum zu lassen. Die Sonne blitzte nur ein wenig des Nebels hervor, man konnte nur erahnen, dass sie es an diesem Tag noch schafft, dem Nebel zu trotzen. Die Hand der dreifachen Mutter und sechsfachen Großmutter streichend, begann ich ein Lied zu summen – meine Stimme hauchte nur, sie war ganz leise, um sie nicht aus ihrem Schlaf zu wecken, den sie wohl bitternötig hat, nachdem sie schon die letzten Male, als ich sie besuchte, davon sprach, nicht genügend Schlaf zu bekommen, weil sie schlechte Träume von dunklen Gestalten nicht zur Ruhe kommen lassen. Neben uns, auf dem kleinen runden Tisch, der stets mit einer Vase mit frischen Blumen geschmückt war, entdeckte ich eine orangefarbene Kerze, die den Duft des Frühlings hatte. Ich zündete sie an. Es dauerte nicht lange, bis der Raum durch Kerzenschein und wohligem Aroma eine Wärme ausstrahlte, die sich auf die im Bett eingehüllte, alte, zierliche kleine, liebenswerte Gestalt und auf mich während des Summens mit Herzlichkeit erfüllte. Als sie langsam die Augenlider aufschlug, meine Hand drückte, als wollte sie mir „Hallo“ sagen, bekam ich ein zufriedenes Lächeln mit ihren roséfarbenen, trockenen Lippen geschenkt, das mich wissen ließ, dass ich hier gerade genau richtig bin. Ich summte weiter und holte meine Kalimba aus meiner Tasche – ein Instrument, das melodiöse, weiche, klare Töne von sich gibt, die federleicht und fast zauberhaft wirken können. Es gab Stellen, an denen nur das Instrument zu hören war, dann wieder nur meine Stimme oder beides im Zusammenschluss. Manchmal nahm die herzige Dame ihre Hand und berührte mit ihren kalten Fingern meinen Arm, schloss kurz die Augen, bevor sie sie wieder mit immens viel Kraft öffnete.

„Ach wissen Sie – damals, im Krieg, es war so schlimm, dass alles kaputt ging, was wir uns aufbauten. Wir hatten schon nicht viel. Und dann wurde das wenige, was wir hatten, noch kaputt gemacht.“ Ich stoppte mein Tönen mit der Stimme, legte die Kalimba zur Seite auf den Tisch, nahm ihre Hand und fragte sie mit ruhiger Stimme, was da gerade in ihr ist und ob sie wieder einen schlechten Traum hatte. „Einen Film habe ich gerade gesehen, eine Dokumentation über den Krieg und über die Frauen, die ihre Männer nie wieder gesehen haben. Die Frauen, die sich ganz alleine um die Kinder sorgen mussten, während sie ihre Tränen heimlich weinten aus Sorge um ihre Männer. Aus Angst, aus Wut, aus Liebe, aus Hass, aus Sehnsucht und aus Furcht. Und heute – heute fangen die Menschen wieder so an. Wieder kann ein Volk das andere Volk nicht akzeptieren, die Menschen werden behandelt wie Tiere – sie werden weggeschickt und abgeschoben, sie werden in den Krieg geschickt und von ihren Familien getrennt, sie werden gefoltert und getötet. Als hätten wir das nicht alles schon einmal gehabt – als hätten wir nicht schon einmal erlebt wie es ist, in lauter Hass und wenig Liebe zu leben, weil es jemanden gibt, der Macht spüren will und sie mit aller Gewalt an sich reißen will.“ Ich spürte, wie ihre Stimme versuchte, sich zu erheben, wie ihre Hände meine Hand fester zudrückten, sich ihre Augenbrauen zusammenzogen  und sich eine Falte des Zornes auf ihrer Stirn bildete. Sie sprach lauter und schneller und ihre Stimme wurde kratziger. In den Augen stiegen ihr die Tränen zu Gesicht, sie leckte sich ihre Lippen ab und an ab, um sie vom vielen Sprechen vor dem Austrocknen zu bewahren. Ich nickte ihr zu und sagte ihr, dass ich ihren Ärger und die Enttäuschung verstehe und fragte, wann sie die Dokumentation sah und gab ihr den Raum und die Zeit, über ihr Leben und ihre Gedanken in dieser Zeit zu berichten, wenn sie es denn wolle. Wir sprachen noch etwa eine Stunde miteinander, bevor ich wieder zum Gehen aufbrechen musste. Sie fragte mich, ob wir noch gemeinsam ein Lied singen könnten – das taten wir. Ein altes Volkslied, das von Ruhe, der Nacht, der Natur und einem Zufluchtsort in ihr sang. Sie kannte den Text, ihre Stimme wurde nach und nach schwächer – als die dritte Strophe des Liedes „Am Brunnen vor dem Tore“ vorüber ging, nahm ich noch einmal mein Instrument und spielte ihr eine kleine Melodie darauf vor, bevor ich mich verabschiedete. Sie winkte mir noch einmal zu, als ich die Türklinke in der Hand hielt, brachte ein wertschätzendes „Danke“ über ihre Lippen und so schloss ich die Tür hinter mir.

In der nächsten kam ein Anruf der Tochter der alten Dame – sie sei friedlich in ihrem Bett eingeschlafen.

Der Krieg, die Angst, die sie noch in sich trug, hat sie nicht besiegt. Sie konnte friedvoll loslassen. Nun findet sie ihre Ruh’ unter dem Lindenbaum, von dem sie im Lied sang. So wichtig ist es, über Gefühle aus längst vergangenen Tagen zu sprechen, sie zulassen zu können und dann seine Ruhe darin zu finden.

Die alte Dame hatte recht damit – als sie Buddhas Weisheit „Hass hört niemals durch Hass auf. Hass hört durch Liebe auf“ zitierte.

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