Der Krieg in dir ist die Melancholie in mir

Jedes strahlende Herz hat auch dunkle Schatten.

Schnellen Schrittes eilte ich zum nächsten Hausbesuch, der sicher schon seit zehn Minuten auf mich wartend am Küchentisch sitzt, Stift und Papier zur Übungseinheit bereit – das Schneechaos ließ keine Pünktlichkeit zu. Auf den Straßen schleichende Autos, nicht vorankommende LKWs, fluchend ungeduldige Drängler und ich mittendrin. Angekommen am Hof des alten, humpelnden Herren suchte ich mir einen Parkplatz und versuchte, nicht im höchsten Schnee zu parken. Als ich ausstieg, bekam ich nasse Füße, weil ich durch den Schnee stapfen musste, eh ich an seiner Haustür ankam. Doch diesmal brauchte ich gar nicht klingeln – er empfing mich vor seinem in die Jahre gekommenen Kohleschuppen, mit einem Eimer voll Holz in der Hand, das er holte, um es sich und seiner Frau im Wohnzimmer gemütlich zu machen. Sie haben einen Kamin! Höflich hielt er mir die Tür auf, ich ging vor ihm herein, zog die Schuhe aus und genoss schon die Wärme, die mir im Flur entgegen kam.

Als wir uns setzten und eine erste Übungseinheit begannen, wurde auch mir langsam warm und ich war wohl nun nach dem Chaos der schneebedeckten Straßen endlich angekommen. Mit Engagement, Wissensdurst, Erfahrungsschatz, Nachdenken, Motivation und Freude konnten wir unsere Übung zum Training der Wortfindungs- und Wortabrufsleistungen spannend gestalten. Wie in jeder Therapiestunde kam auch heute die Frau des liebenswürdigen, alten Patienten kurz herein, um „Hallo“ zu sagen und zu sehen, ob alles in Ordnung ist und sich einen Salbeitee mit einem Löffel Honig zu bereiten. Ich sagte dem über 55 Jahre verheirateten Ehepaar, wie einladend und wärmend die Flamme des Ofens ist, bevor die Frau des Patienten leise wieder den Raum verließ, um die Therapie nicht zu stören. So kamen wir ins Gespräch – der alte Herr sagte mir, wie er es schätzt, in seinem Haus zu sitzen, einen Tee zu trinken, in das Feuer zu schauen und zu wissen, dass er lebt. Denn das ist nicht selbstverständlich für ihn – er war im Krieg. Der zweite Weltkrieg, der in seinen Gedanken, seinen Gefühlen und auch seinem Körper weiterlebt – nicht immer, aber immer wieder. Manchmal tagsüber, manchmal nachts. Manchmal laut, manchmal leise. Er sprach davon, wie er in Gefangenschaft war, sagte, dass man als Kriegsgefangener gar nicht all das erzählen kann, was man in seinem Leben schon sah, hörte und erfuhr – fernab des Wissens, dass Schülern im Geschichtsunterricht und in Büchern beigebracht wird. Dass Freunde nicht zurückkehrten, Frauen warteten, Kinder keine Väter hatten – Menschenleben und Menschenseelen verachtet, misshandelt und entwürdigt wurden. An seiner Stimme merkte ich, wie es in ihm lebt – sie wurde leiser, schwach und zittrig. Tränen hatte er in den Augen – ein alter Mann, der schützend vor seiner Familie steht, hat Tränen in den Augen, weil der Krieg noch manchmal in ihm lebt. Beim Erzählen hält er kaum meinem Blick stand, wendet den Kopf ab, schaut hinunter oder zur Seite. Ich merke, wie es auch in mir beginnt zu wirken – seine Worte, sein Ausdruck, sein Erleben, sein Leben – ich hörte ihm zu, konnte kaum etwas sagen. Konnte nur Dasein. Ich spürte, wie sich auch meine Augen füllten – mit Mitgefühl, Trauer und gleichzeitig Wut.

Manchmal ist es nicht das einfachste unserer Arbeit, mit emotionalen Erlebnisinhalten einiger Patienten im richtigen Maß umzugehen. Doch was ist richtig, was ist falsch? Wer legt das Maß fest? Wann darf auch ich mal weinen? Wer spricht eigentlich von „dürfen“? Dass wir Therapeuten nicht tränenreich vor unseren Patienten sitzen und sich die Rollen plötzlich verschieben sollte jedem bewusst sein – eigene Bedürfnisse und zu starke emotionale Beziehungen zu dem Patienten belasten selbstverständlich das Therapeuten-Patienten-Verhältnis! Doch erinnern wir uns an unsere Ausbildung – Empathie und Verständnis – das Handwerkzeug unseres Berufs!

Als ich ging, stand der leere Holzeimer an der Tür. Morgen ist ein neuer Tag, um sich eine gemütliche Stube zu machen.

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