Ein sitzender Spaziergang

Schneelandschaft in den Schweizer Bergen mit Fußspuren

Es knistert, wenn ich über den Schnee laufe. Wenn ich mich umdrehe, sehe ich die Abdrücke meiner Schuhe und sehe, dass wohl schon einige Spaziergänger an diesem sonnig-kalten Wintertag über die Brücke liefen, die ich gerade überquerte. Meine Hände in den Jackentaschen steckend und den Schal fast bis zu den Augen hochgezogen wandere ich durch die anmutende Winterlandschaft und lasse mir das Gemüt und den Körper von der Sonne wenigstens ein bisschen wärmen. Sie lässt den Schnee glitzern und leuchten, sie lässt den Tag heller erscheinen, obwohl es schon fast abends ist. Am gegenüberliegenden Berg rodeln Kinder, die mit ihren Eltern und Geschwistern den Sonntag verbringen, ein paar Fußgänger gehen mit ihren Hunden spazieren, nicht-frierende-Vollblutjogger bekommen meine Anerkennung, weil sie bei -2 Grad vom Sofa aufstehen, um zu rennen. Und neben meinen Fußspuren sehe ich die eines Rades – vielleicht ein Kinderwagen oder ein Roller.

Als ich meinen Weg weiter ging und schon merkte, wie kalt meine Füße in den mit Fell ausgestatteten Stiefeln wurden, entdeckte ich das „Geheimnis“ der Räder-Spur. Ein junges Paar lief vor mir – aber nicht beide liefen. Ich sah den großen, dunkelhaarigen Mann, wie er neben dem Rollstuhl lief, seine Hand lag auf der Schulter der Frau, die sitzend einen Spaziergang machte. Sitzend einen Spaziergang – paradox, es so zu beschreiben. Sie hatte einen noch dickeren Schal als ich um ihren Hals gebunden, eine dicke Wintermütze, Beine und Füße waren durch eine Wolldecke geschützt. Manchmal machten sie eine Pause und schauten sich die kleinen Wunder der Natur an. Sie blieben an einem Baum stehen, an dem auch ich später einen Eichelhäher entdeckte, pusteten sich Schnee ins Gesicht und lachten über einen Hund, der sich auf der schneebedeckten Wiese umherwälzte. Bevor sie weitergingen, beugte sich der Mann herunter und gab ihr einen Kuss.

Nicht allen Rollstuhlfahrern ist es möglich, solch einen Winterspaziergang zu machen, der solch einen Zauber innehat. Wie oft wohnen Patienten, zu denen wir Therapeuten gehen, im obersten Stock eines Mehrfamilienhauses, wie oft haben sie niemanden, der sie an die Hand nimmt und sich dem Tempo des Rollstuhls anpasst und wie oft haben Angehörige Zeit und den Schwung, gerade im Winter ihren Kumpanen so „dick einzupacken“, dass ihm die Kälte nicht in den Körper zieht? Aber – wie oft haben auch Patienten nicht den richtigen Rollstuhl, um nach draußen zu gehen?

Stellen wir uns vor, wir sitzen von früh bis abends zu Hause, in unserer Wohnung. Nicht, weil wir keine Lust haben vor die Tür zu gehen und voller Freude die Welt zu entdecken – sondern, weil es uns unser Körper nicht möglich macht. Dazusitzen und den Tag vergehen zu lassen – ab und an kommt mal ein/e Therapeut/in vorbei, manchmal läuft eine interessante Sendung auf dem Fernsehen, das ein oder andere Kreuzworträtsel der aktuellen Fernsehzeitung ist vielleicht auch noch nicht zu Ende ausgefüllt. Und dann muss man sich sogar noch Fragen anhören wie „Waren Sie denn heute schon einmal an der frischen Luft?“ oder „Haben Sie schon bemerkt, wie kalt es da draußen heute ist?“ oder „Der Wind weht mir heute ganz schön heftig um die Haare“ – Manchmal rutschen solche Fragen raus, obwohl wir wissen, dass unser Gegenüber nicht laufen kann. Dann fühlen wir in uns einen kurzen Stoß, der uns sagt, dass unsere eigens empfundenen Selbstverständlichkeiten gar nicht so selbstverständlich sind.

So scheint die Sonne zum Fenster herein, während sie den Schnee auf dem Geländer des Balkons schmelzen lässt, dass er als Tropfen auf das Vordach des Hauses fällt. Das junge Paar stellt den Rollstuhl vor der Tür ab, bevor der große, dunkelhaarige Mann seine Frau haltend, schützend und mit liebevoll kräftigen Armen die drei Treppenstufen zur Wohnung trägt.

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